Von Fritz Vorholz

Eintausend Seiten engbedruckten Papiers, die am Freitag dieser Woche den Besitzer wechseln, werden alle Hoffnungen der Kernenergielobby enttäuschen. Die Atommeiler, so der Tenor des Mammutwerkes, bieten nicht den rettenden Fluchtweg aus der Klimakatastrophe. "Die Kernenergie", so der Überbringer der Botschaft, "ist nicht die zentrale Frage, um die es heute geht."

Der das sagt, heißt Bernd Schmidbauer, ist CDU-Abgeordneter aus Eppelheim und Vorsitzender der vom Bundestag vor knapp drei Jahren eingesetzten Enquete-Kommission Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre. An diesem Freitag überreicht Schmidbauer den dritten und abschließenden Bericht des 22köpfigen Gremiums – je zur Hälfte Bonner Abgeordnete und Wissenschaftler – der Präsidentin des Bundestages.

Die Expertise ist ein schockierender Report über die Gefahren, auf die sich die Menschheit durch die Herstellung und den Verbrauch von klimaschädlichen Chemikalien, durch die Vernichtung der tropischen Wälder, vor allem aber durch den von der Industrialisierung geweckten Energiehunger eingelassen hat. Treibt die Gattung Homo sapiens ihrem Ende zu? Die mit jedem Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas verbundene Freisetzung von Kohlendioxid (CO2) läßt die Temperatur auf dem Globus naturgesetzlich ansteigen. Das ungehemmte Spiel mit dem Feuer hat, so das von den leistungsfähigsten Computern errechnete Szenario, verheerende Folgen: Es drohen Überschwemmungen und Dürren, Hunger und Krankheiten.

Das geophysikalische Großexperiment droht auch die Ökonomie und die Sozialstruktur schneller und dramatischer als alles bisher Bekannte zu verändern. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Zukunft geprägt sein wird von erbitterten Verteilungskämpfen um Energie und CO2-Kontingente: Verteilungskämpfe zwischen der wohlhabenden Nord- und der armen Südhalbkugel, aber auch unter den reichen Industrienationen. Und der Streit wird sich in jeder Gesellschaft einnisten – zwischen energieintensiven Branchen und solchen, die nur eine geringe Menge dieses naturbedrohenden Wohlstand-Schmiermittels beanspruchen.

Nur der radikale Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten kann Rettung bringen. Mit Zwang oder mit drastischen Finanzanreizen müssen Milliarden freiheitsliebender Menschen davon überzeugt werden, in Zukunft nur noch Bruchteile der Energiemengen zu verbrauchen, die heute wie selbstverständlich den komfortablen Lebensstandard sichern. Milliardensummen werden beschafft werden müssen, um sparsamer mit Energie umgehen zu können. Und der Schutz vor dem Klimakollaps wird auch eine bisher unbekannte Solidarität mit der Dritten Welt erfordern: Falls die unaufhaltsam wachsenden Menschenmassen in den ärmsten Ländern nicht mit der besten – freilich für sie unerschwinglichen – Energiespartechnik ausgerüstet werden, ist der Weg in die Katastrophe programmiert. Und von dieser Schreckensvision, so Michael Müller (SPD), ebenfalls Mitglied der Bonner Enquete-Kommission, "trennen uns nur noch ein paar Jahre".

Während der Countdown in die unheilschwangere Warmzeit läuft, ist das Verteilungsgezänk längst offen ausgebrochen. Denn hierzulande versuchen Kraftwerksbauer und Stromerzeuger schon seit längerem, das bedrohliche Klima-Szenario zum neuen Argument für ihre zwar CO2-freien, gleichwohl umstrittenen Atommeiler umzumünzen. Mit großformatigen Anzeigenkampagnen ("Treibhaus. Wir müssen darüber reden.") machten die mächtigen Energieversorgungsunternehmen in den vergangenen Wochen munter Reklame für ihre Kernkraftwerke.