Jürgen Theobaldy einmal mehr, wie souverän er über seine lyrischen Mittel verfügt. Die dreiundzwanzig reimlosen, metrisch freien Gedichte erzählen von Tieren (und einigen Engeln), sind indes unabhängig von Apollinaires berühmtem "Bestiarium" entstanden, das 1919 zuerst erschien und dreißig gereimte Vierzeiler emblematischen Charakters umfaßt, Epigramme auf Holzschnitte von Raoul Dufy.

Theobaldys Tiere taugen für keine Fabel mehr, sie haben jede moralisch didaktische Bedeutung verloren und dafür etwas von der präzisen Unscharfe des Symbols gewonnen. Gelassen, dabei vielfältig im Ton, sind diese Gedichte in Verse gefaßte Glücksmomente; sie folgen einer Poetik des Augenblicks: "Die Welt war nur, was das Bild war Der "Weg zur Erleuchtung" ist "unerreichbar nah" wie der Duft der Blüten oder das Summen einer Biene im Zimmereck. Es gibt einfache Gedichte auf den Tanzschritt der Enten oder den Flug des Kanalsittichs "durch die Kathedralen des unteren Reichs"; andere haben einen stark reflektorischen Gestus. Auch die Füchse sind nicht mehr, was sie bei Lafontaine einmal waren; sie gleichen "aufgeplatzten Schuhen, die den Hang herunterkollern". Und das (Gottes )Lamm stirbt "im Schatten des Guts und der Börse".

Auf ironische Weise mit den Vögeln verwandt sind die Engel. Sie sind nicht "schrecklich" wie die Rilkes; sie "stellen sich taub", haben "drekkige Schultern" und "gelähmte Flügel". Auch "falsche" (stalinistische? faschistische?) Engel treten auf; ihr Schuldbuch ist das "aufgeschlagene Buch der Epoche", und es ist niemand da, der losspricht.

Einige der kleinen Denk Gedichte erinnern an ostasiatische Weisheitssprüche: "Der Tod des einen ist schwerer als ein Berg, der Tod des ändern leichter als eine Feder Ein "Gruß nach China" schließt die schöne Sammlung ab im Gedenken an den 3. Juni 1989: "Mir ist, als hörte ich Empörung noch, der Jungen uralte Vogelempörung, die sich krächzend und torkelnd entfernt Michael Buselmeier B Jürgen Theobaldy:

In den Aufwind Gedichte; Friedenauer Presse, Berlin 1990; 24 S , 16 80 DM