Frankreichs Bahngesellschaft SNCF hat große Zukunftspläne: Bis 1993 will sie die Vormachtstellung unter den europäischen Bahnen erreicht haben. Deshalb plant sie den Ausbau des Streckennetzes für ihren "Train à grande vitesse", den TGV.

Das Signal setzte die SNCF (Société Nationale de Chemin de Fer) am 18. Mai, als der TGV Atlantique den Geschwindigkeitsrekord brach, den bis dahin die Konkurrenz, der wendigere deutsche ICE, hielt: Nahe Vendôme, auf der neuen Atlantikstrecke, erreichte der französische Super-Zug die Weltbestzeit von 515,3 Stundenkilometern.

Nachdem 1989, acht Jahre nach der Eröffnung der TGV-Strecke Paris-Lyon, der erste Abschnitt der Atlantiklinie (von Paris nach Le Mans, Rennes und Nantes) in Betrieb genommen wurde, sind jetzt auch die Regionen Aquitaine, Centre, Poitou-Charente und Midi-Pyrenees mit dem TGV zu erreichen. Im Frühherbst 1993 soll dann die Strecke nach La Rochelle eingeweiht werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt will die französische Bahngesellschaft auch schon die Landesgrenzen überschritten haben: Die Planungen für den Ausbau des TGV-Netzes nach Nordfrankreich laufen bereits auf Hochtouren; der TGV Nord soll von 1993 an von Paris aus Verbindung nach Brüssel, Amsterdam und Köln sowie nach London durch den dann hoffentlich fertiggestellten Ärmelkanal-Tunnel schaffen.

Geplant ist seit längerem schon die Fortführung der TGV-Strecke Paris-Lyon bis ans Mittelmeer: über Marseille und Nizza bis nach Italien sowie in Richtung Montpellier und weiter nach Spanien. Im Rhonetal und in der Provence stieß die SNCF jedoch auf den Widerstand wacher Bürger, die sich, in Initiativgruppen organisiert, gegen den Bau neuer Trassen wehrten. Statt dessen schlugen die Gegner vor, den TGV auf den bereits vorhandenen Gleisen rollen zu lassen. Bis jetzt hat die SNCF hier aber noch keine passende Lösung finden können.

Auf lange Sicht will die SNCF unter anderem auch TGV-"Achsen" von West nach Ost anlegen (und damit auch den Bahn-Knotenpunkt Paris dezentralisieren): Von Aquitanien und der Region Midi-Pyrenees hinüber zur Côte d’Azur, ins Rhonetal und weiter bis nach Italien: Bahnreisen, die zur Zeit nur mit Umsteigen und auf Umwegen zu bewältigen sind.

Möglich machen will die französische Bahngesellschaft auch Fahrten von Katalonien, vom Languedoc und vom Rhonetal an den Rhein (wodurch die Verbindung mit dem deutschen Bahnnetz geschaffen sein wird). Ein weiteres SNCF-Ziel: Zugreisende aus Nordfrankreich und Großbritannien sollen die Mittelmeerküste und den Südwesten bequem mit dem TGV erreichen können. Mit diesen direkten Verbindungen werden Bahnreisende dann zukünftig nicht mehr auf komplizierten Wegen über Paris fahren beziehungsweise hier umsteigen müssen.