Bevor ich zu den Partisanen ging, war ich ein junger Mann aus bürgerlichem Hause, der immer mit seiner Familie zusammen gelebt hatte; mein ruhiger Antifaschismus war vor allem Opposition gegen den Kult der kriegerischen Macht, eine Stilfrage und ganz plötzlich führte mich die Kohärenz mit meinen Überzeugungen mitten in das gewaltsame Treiben des Widerstandskampfes hinein "

Was Italo Calvino 1954 im Vorwort zur Neuauflage seines Romans "II sentiero dei nidi di ragno" ("Wo Spinnen ihre Nester bauen") aus dem Jahr 1947 schreibt, ist auf die Situation der Zwanzigjährigen gemünzt, die zwischen 1943 und 1945 an der Resistenza armata teilgenommen haben. Calvinos Rückblick liest sich wie eine Präambel zu Luigi Meneghellos Roman "Die kleinen Meister". Die Distanz schärft den Blick; Kritik verwandelt sich in Selbstkritik. Aus dem Abstand von dreißig Jahren - Meneghellos "I Piccoli Maestri" erschien erstmals 1976 - zieht der Autor Die Zeit: 1944 bis Mai 1945. Der Schauplatz: das nordwestliche Venetien, die Gegend um Vicenza und das Altopiano dAsiago. Die Personen: eine Gruppe von neun Vicentinern, Studenten aller Fakultäten. Sie lesen Seneca, Dante und Baudelaire, aber auch Machiavelli und Mazzini. Der Erzähler definiert sich und seine Freunde als "linke Abweichler der Croce Anhänger". Sie sympathisieren mit der 1943 gegründeten Aktionspartei, die sich, grob gesagt, einem liberalen Sozialismus verschrieben hat. Und doch bekennt sich die Gruppe zu keiner einheitlichen Ideologie; das macht sie wehrlos und stark zugleich. Sie kämpfen gegen ihre faschistischen Landsleute und die Deutschen; ihr Widerstand richtet sich aber auch gegen eine Gesellschaft, die es den Diktaturen ermöglicht hat, sich zu etablieren.

Der Erzähler und seine "Bande" scheinen "am dunkelsten Punkt" ihres Lebens angelangt zu sein - an einem Punkt, der nur den endgültigen Untergang oder einen revolutionären Anfang bedeuten kann. Aber der Aufstand unterbleibt; ein zweites Risorgimento findet nicht statt. So ist Meneghellos Roman auch ein Epitaph der verpaßten Gelegenheiten.

Meneghello präsentiert sich als ein "Historiker der Geschichtsschreibung"; aber das ist nur eine Facette seines komplexen und alle Aspekte der Partisanenbewegung umfassenden Romans. Auf den Expeditionen in die Dörfer entdeckt der Erzähler ein archaisches, vorindustrielles Italien; das Land fordert den Städter in seine Schranken. In der Konfrontation mit einer vom Sturm der Zeiten unberührten Welt wird der Sinn der kriegerischen Aktionen in Frage gestellt; aber auch die akademischen Gespräche über Dichtung, Philosophie und Ästhetik verstummen.

In dieser Verwirrung fordert der Protagonist des Romans das radikale Denken des "destruktiven Charakters"; denn dieser kenne - um mit Benjamin zu sprechen - "nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß". Benjamins Lesestück über den "Destruktiven Charakter" könnte das Vademecum eines Partisanen vom Schlage Luigi Meneghellos gewesen sein. Denn - alles in allem - sind die "Kleinen Meister" auch und nicht zuletzt eine Absage an den "Etui Menschen", der sich als der Erzfeind der Resistenza entpuppt. Der Bürger kehrt nach dem Krieg in sein Gehäuse zurück; und er sorgt dafür, daß die Institutionen überleben.

Im "Strudel der Praxis" haben die kontemplativen Augenblicke eine Funktion des Ausgleichs. Das Altopiano erweist sich als Thebais der Partisanen: "Unser selbstverständlicher Begriff der Bande enthielt zwei einander widersprechende Seiten: die eine, daß wir gegen die Welt kämpfen, auf irgendeine Weise gegen sie Krieg führen wollten; die andere, daß wir aus ihr fliehen und uns zurückziehen wollten, wie um zu beten Diese Symbiose von Angriff und Rückzug schließt auch das Prinzip der Kasteiung mit ein: Der Partisan tut Buße für die politischen Sünden der Väter, er leidet stellvertretend für andere und stellt sich in eine Reihe mit den Märtyrern des frühen Christentums. Meneghellos Anspielung auf die Thebais kommt also nicht von ungefähr; sowohl die antike Landschaft in Oberägypten als auch die Hochfläche von Asiago sind Schädelstätten und die Refugien jener, die eine Veränderung bestehender Verhältnisse herbeiführen wollen; eine Lese Erfahrung des Studenten setzt sich um in den Erlebnissen des Partisanen. Meneghello macht nicht den geringsten Versuch, das Irrationale in den Praktiken seiner Schüler, die ja "kleine Meister" werden wollen, zu rationalisieren. Begriffe wie Ethos, Moral oder Gewissen sind außer Kraft gesetzt. Der Gegner ist gesichtslos, eben "nichts". Das subjektive Empfinden - Mitleid oder Angst - hat ausgedient. Mit Menschenverachtung und Zynismus hat das nichts zu tun.

Meneghello war - auch in eigener Verantwortung - ein Mann der Praxis. Jetzt zieht er die Summe seiner Erfahrungen mit der vicentinischen Partisanenbewegung. Sein Roman ist das Kardiogramm eines jungen Mannes, der mit seiner Zeit lebt, indem er gegen sie kämpft. Nie weicht der Autor von seinem Thema ab, aber unter der Hand entwickelt sich Meneghellos Roman zu einem Essay über Widerstand, Abenteuer und Tod. Roman; aus dem Italienischen von Marianne Schneider; Wagenbach Verlag, Berlin 1990; 270 S , 34 - DM