Sünde ist ein wichtiger Begriff für die jüdischchristlichen Religionen: die Bezeichnung für jeden Verstoß gegen jene von Gott diktierten Vorschriften, die wir "Die Zehn Gebote" nennen und die seit ein paar tausend Jahren Moral und gesellschaftliches Wohlverhalten in unserem Kulturkreis regeln. Kein Titel also, den wir unbedingt über dem Roman eines japanischen Autors erwarten würden.

Aber Shusaku Endo ist Christ. Der Schriftsteller, der vor vielen Jahren schon zum Katholizismus konvertierte und als einer der wichtigsten Autoren im heutigen Japan gilt, findet im Gegenteil die Themen seiner Bücher gerade im problematischen Zusammenprall von zwei Kulturen, die auf zwei verschiedenen Religionen beruhen. Auch in "Schweigen" beispielsweise, seinem im letzten Jahr bei uns erschienenen Roman, benutzte er die grausame Unterdrückung der Christianisierung in Japan als erzählerische Vorlage, um auszuloten, was der Katholizismus für eine durch Buddhismus und Shintuismus geprägte Gesellschaft bedeuten könnte.

"Japan ist nicht für die christliche Lehre geeignet. Niemals schlägt die Lehre des Christentums Wurzeln in Japan", läßt er eine seiner Figuren sagen. In einem Interview dagegen fügte Endo selbst erklärend hinzu, daß er dennoch auf ein Christentum in Japan hoffe, entdecke er doch gerade im Katholizismus "weit mehr Möglichkeiten als in jeder anderen Religion, um die komplette Symphonie der Menschheit zu Gehör zu bringen. Die anderen Religionen haben nicht diese Klangfülle " "Sünde" nun wendet sich einem ganz besonderen Aspekt des Christentums zu: jener restringierenden Sexualmoral, die das "Du sollst nicht begehren" der Gebote, vom Kontext losgelöst, zu einer Art kategorischem Imperativ erhoben hat. Der Roman erzählt die Geschichte der verstörenden Erfahrungen, die ein alternder japanischer Schriftsteller zum Lebensende hin mit ihr, der Sünde, machen muß.

Der Held des Buches - autobiographische Parallelen sind unübersehbar - wird als eine Art östlicher Graham Green vorgestellt, ein Autor augenscheinlich, der durch seine humane, nachdenkliche Literatur zu einer moralischen Institution in seinem Land geworden ist. Sein ganzes Erwachsenenleben lang hat dieser Suguro sich dem Abstinenzgebot seines christlichen Glaubens unterworfen, eine keusch verhaltene Ehe geführt, in der Sexualität vor allem die ihr gebotene Aufgabe erfüllte, Kinder zu zeugen und vielleicht noch Mann und Frau so aneinander zu binden, daß ihnen ihr Zusammenleben erträglich ist.

Suguro mußte 65 Jahre alt werden, um plötzlich zur höchst irritierenden Erkenntnis zu gelangen, daß Sexualität mehr sein kann: eine Konfrontation des Menschen mit sich selbst "Ich glaube, im Sex offenbaren sich tief in unserem Herzen schlummernde Geheimnisse, deren wir uns nicht einmal selber bewußt sind", heißt der so zentrale wie triviale Satz zu Beginn des Romans, der zum indirekten Motor der Geschichte wird. Erzähl technisch dagegen wird der Plot eher ächzend und schwerfällig durch das Doppelgänger Motiv in Gang gesetzt: Suguro erfährt von einem geheimen anderen Selbst, der Personifikation seiner unterdrückten sexuellen Sehnsüchte, die sich in Bordellen, Peepshows und Sado Maso Kreisen herumtreibt und kleine Mädchen begehrt. Der Sittenprediger als Doppelmoralist? Ein skandalhungriger Journalist wittert eine Enthüllungsstory ohnegleichen und zwingt durch seine Recherchen Suguro, sich auf die Suche nach sich selbst zu machen. Zum Schluß wird der Journalist kaltgestellt, Suguro aber wird mit seinen geheimen Obsessionen, seiner neugefundenen Wahrheit leben müssen. Keine Wahrheit, die glücklich macht. Scheu, fast traurig stellt der Autor sich den dunklen Kräften in seinem Innern: daß Qualen Lust bereiten, daß Folter und Grausamkeit zu perverser Ekstase treiben können, paßt so wenig in sein christliches Glaubensgefüge, daß er eigentlich den Satan bemühen müßte, um der schwarzen Verführung einen Namen zu geben. Aber Suguro weiß, daß der Teufel in uns selber steckt - eine Erkenntnis, die ihn zwar nicht gläubiger, dafür aber menschlicher macht. Shusaku Endo erzählt die Geschichte seines Berufsgenossen behutsam, fast trocken, mit Hang zu stützenden Fakten: als brauche er die Hinweise auf historische Gestalten wie die ungarische Gräfin Bätholy, die Hunderte von jungen Mädchen tötete, weil Töten ihr Lust machte, oder auf Gilles de Rais, den Kampfgefährten der Jeanne dArc und frommen Sohn der Kirche, dessen sexuelle Blutorgien sprichwörtlich waren, um das Unerhörte abzusichern, sich vor Vorwurf zu schützen, er erfinde, was nicht ist, nicht sein kann und nicht sein darf.

Vielleicht wirklich ein Tabu Thema in Japan? Ich weiß zu wenig von den Restriktionen durch die dortige Kultur - die Unausgesprochenheit, die Diskretion, mit der Endo vorgeht, kann genausogut Abscheu vor zu großer voyeuristischer, pornographischer Genauigkeit sein wie Vorsicht, um seinem Leser keinen verstörenden Schock zuzumuten. Oder ein Versuch, seinen Glauben zu schützen vor zu harscher Kritik.

Die Vorsicht Endos, die eigentümliche Unbeholfenheit beispielsweise, mit der er das Doppelgänger Motiv zum Movens der Geschichte macht, hat mich bei der Lektüre fast gerührt - zu vertraut sind dem Leser, der Stevensons "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" schon aus der Schullektüre kennt, die phantasmagorischen Spiegelungen des Ich, die Persönlichkeitsbrüche, als ein selbstverständlicher Aspekt der abendländischen Literatur.