Jetzt werden wir uns daran gewöhnen dürfen, Deutschland zu sagen. Ein Weilchen werden wir brauchen, bis uns das Wort leicht und ohne unangenehmen Geschmack von den Lippen geht. Aber die Aussicht, dem leutseligen Tankwart in Kansas einfach nur "Germany" antworten zu können, hat etwas Befreiendes. Vielleicht beginnen nun die normalen Verhältnisse. An die nicht normalen hatten wir uns derart gewöhnt, daß wir plötzlich ein Gefühl verspüren, als fehlte uns etwas. Nennen wir es Phantomschmerz. Den werden wir ertragen können. Mit Phantomen hatten wir vertrauten Umgang.

Die Phantome des 19. Jahrhunderts, "Kapitalismus" zum Beispiel und "Kommunismus", werden wir vermissen. Sie hatten ja vieles erleichtert. Wer als reaktionär und wer als fortschrittlich zu bezeichnen war, das ergab sich begriffslogisch. Da nun die Begriffe fraglich sind, verliert das Verdikt seine Kraft. Man wird nicht umhin können, von neuem zu denken.

Das ist leicht gesagt. Die alten Klassifizierungen stecken noch in vielen Hirnen. Wer etwa die bloße Tatsache erwähnt, daß die sozialistische Utopie diskreditiert ist, dem wird unterstellt, er sei zum Feind übergelaufen und lobpreise den Kapitalismus. Schon wieder begegnen wir dem ewigen Vorwurf des Verrats. Eine deutsche Tradition will es, daß eine Weltanschauung durch die Verweildauer in den Köpfen an Wurde gewinnt. Wer seine Überzeugung ändert, der wird auf seine frühere festgenagelt. Wer heute etwas kritisiert, dem wird vorgerechnet, daß er es nicht damals kritisiert habe. Wer einen Irrtum zugibt und die Hoffnung äußert, andere, die er gerne zu Weggefährten hatte, mochten desgleichen tun, den nennt man opportunistisch und selbstgerecht. Als ob nicht die Fähigkeit, aus Irrtümern zu lernen, eine Überlebensfrage wäre. Eine Uberlebensfrage auch für die Institution der Kritik, die ja nur dann wirkungsvoll bleiben kann, wenn sie Selbstkritik einschließt.

Anlässe, seine Überzeugung zu wandeln, gibt es viele; ihnen standzuhalten, kann rühmlich sein. Aber das vergangene Jahr und die Umstürze im ehemaligen Ostblock sind mehr als nur ein Anlaß. Sie sind für den, dessen graue Zellen noch halbwegs funktionieren, eine zwingende Notwendigkeit. Ihr zu folgen und die vertrauten Kategorien einer Revision zu unterziehen ist nicht revisionistisch und heißt nicht, daß man sich denen beigesellt, die das schon immer gewußt haben. Wer etwas schon immer gewußt hat, der weiß nichts. Es ist an die Binsenwahrheit zu erinnern, daß manche Dinge zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig sind, zu einem anderen falsch. Und da eine neue Zeit begonnen hat, deren Anbruch eines Tages zum Lernstoff unserer Kinder gehören wird, ist es Zeitverschwendung, die alten Formeln zu repetieren.

Was nun beginnen müßte, ist der wirklich freie Streit der Meinungen. Ein Streit, der die taktischen Rücksichten vergißt und bei dem jeder auf eigene Rechnung redet. Man müßte dann nicht so tun, als hatte man schon immer das Richtige tun wollen, aber leider nicht die Möglichkeit gehabt. Man müßte nicht die eigene Biographie rasch in eine moralische Kontinuität umlügen und sich selber Absolution erteilen. Man müßte nicht von Schuld reden, sondern bloß von Verantwortung. Man müßte nicht Behutsamkeit fordern, sondern Wahrhaftigkeit. Dann wäre man endlich frei, zu sagen, was man denkt, und zu denken, was man sagt. Dann endlich könnte der wahre Pluralismus der Ideen beginnen. Dann wäre auch klar, daß nach allem, was hinter uns liegt, dieser Streit ohne Zorn und Polemik gar nicht geführt werden kann. Es ist erträglicher, Tränen und Tinte zu vergießen als Blut.

Das könnte jetzt geübt werden. Dann könnten wir auch der Empfehlung folgen, die uns der Schweizer Schriftsteller Jürg Laederach in unserer Umfrage zum 3. Oktober (Seite 51) erteilt: allmählich die deutsche Marotte "We about Ourselves" abzulegen. Es gibt nämlich noch anderes auf der Welt. Und dann fiele es uns leicht, das Wort Deutschland auszusprechen.

Ulrich Greiner