Von Susanne Mayer

Er ist klein und trägt Schwarz. Wenn er auf dem Sofa sitzt, zieht er gelegentlich die Füße unter den Körper, was ihm das Aussehen eines dunklen Vogels verleiht, der schräg gekippt in den Kissen lehnt. Die Brillengläser leuchten. Kazuo Ishiguro: Schriftsteller. Er ist Autor von drei Romanen, die zu den eindrucksvollsten in der neuen britischen Literatur gehören.

Wenn er redet, flattern seine Hände auf. Er setzt leicht an und holt in langen Bögen aus, manchmal den Ausgangspunkt wieder streifend und dadurch neues Momentum gewinnend, und kommt langsam erst zum Ende. "Eine Zeile muß nicht kompliziert sein, um schön zu sein", sagt er, "in der Tat ist oft das Gegenteil der Fall, aber es ist sehr schwierig, eine schöne erotische Zeile zu finden, es braucht sehr viel Zeit. Ich habe erst lernen müssen, daß man oft auf das Einfache und Wunderbare warten muß. Daß es sich eher lohnt zu warten, als etwas nur halb Befriedigendes einzubauen."

Das Sofa ist schäbig. An den Wänden viermal David-Hockney-Poster, eine Menge Schwimmbad für das kleine Erkerzimmer. Im Hintergrund steht ein elektrisches Klavier, daneben lehnen vier elektrische Gitarren.

Kazuo Ishiguro ist ein Japaner, der in London lebt. Er wurde in Nagasaki geboren, aber wuchs in England auf. Zehn Jahre lang wollte er Musiker werden, er wurde kein Tom Waits. Jetzt schreibt er sehr stille Geschichten und ist ein Star in literary London.

Seine Sätze üben eine fast beklemmende Wirkung aus. Als ich das erste Mal ein Buch von Kazuo Ishiguro aufschlug, las ich diese Zeilen: "Gehst du an einem sonnigen Tag den steilen Pfad hinter der Brücke hinauf, die hier in der Gegend noch immer ‚Brücke des Zauderns‘ genannt wird, dann dauert es nicht lange, bis zwischen den Wipfeln zweier Ginkgo-Bäume das Dach meines Hauses auftaucht. Selbst wenn es dort oben auf dem Hügel nicht eine so beherrschende Stellung einnähme, würde es sich dennoch von den anderen Häusern in der Nähe abheben, daß du dich, während du den Weg hinaufgehst, gewiß fragst, welchem reichen Mann es wohl gehören mag." Es ist der erste Absatz des Buches "Der Maler der fließenden Welt".

"An Artist of the Floating World" erzählt von einem Maler, der – in nationaler Begeisterung – seine Kunst in den Dienst eines faschistischen Regimes stellte und nun am Ende seiner Jahre mit jenen Zweifeln kämpft, die sich wie ein Schatten über sein Leben legen. Das Buch, Ishiguros zweites, erschien 1986. Es wurde mit dem Whitbread Award ausgezeichnet.