Richard Wagners Romandebüt

Muren sind Geröllmassen im Gebirge, die nach starken Regenfällen in Bewegung geraten und mit Schlamm, Holz, Stein zu Tale sausen. In der Ebene, der Großstadt, in Wien gar ist von ihnen bisher noch nichts zu sehen, und wenn Richard Wagner seinen sprachlich aufs äußerste verknappten ersten Roman dennoch "Die Muren von Wien" nennt, deutet er damit das Unaufhaltsame, Gewaltige an, das in seiner Geschichte einer heillosen Entfremdung am Werke ist und mancherlei niederbrechen läßt.

Wagners zerrütteter Held, der aus dem Banat stammende, seit elf Jahren in München lebende und leidende Ingenieur Benda, ist eben von seiner Gefährtin verlassen worden. Für ihn eine Gelegenheit, aus Beruf und Gewohnheit auszusteigen und, einer Laune der Gleichgültigkeit folgend, nach Wien zu fahren. In jenem Sommer hört er im österreichischen Rundfunk täglich von zwei reißenden Massenbewegungen: von den alpinen Murenabgängen und von den Flüchtlingsströmen, die via Ungarn nach Westen ziehen.

Der rasante Zusammenbruch eines Staatssystems und der gewaltig zu Tale stürzende Schlamm – da blinken die ideologischen Warnlichter auf: Möchte hier einer das Ende des realen Sozialismus als schicksalhafte Naturkatastrophe verstanden wissen? Keineswegs, sind doch schon jene angeblich naturgegebenen Vermurungen durch den tristen Zustand des Bannwaldes bedingt, also Menschenwerk. Richard Wagner spielt auf einer anderen Bedeutungsebene mit der verwüstenden Macht der Muren: Der in Wien ziellos umherirrende Ingenieur Benda trifft auf ein Mädchen, das seiner Braut aus Banater Jugendtagen ähnelt; und schon schieben, drängen, drücken sich, wie durch einen inneren Sturzbach losgerissen, die lange zurückgestauten Brocken seiner Banater Vergangenheit ins Bewußtsein. Bei Lebensgefahr war er damals über die Grenze gegangen, nicht bloß, um den Schikanen der rumänischen Nationalkommunisten, sondern auch, um dem selbstzufriedenen Hinterwäldlertum seiner Schwaben zu entkommen – und damit der liebenden Fürsorge jener Marianne, die er ohne ein Wort der Erklärung zurückgelassen hat. Wie er fern vom Schwabenland, in dem er nicht leben wollte, nicht wirklich zu leben versteht, so ist er auch von der verratenen Braut nie losgekommen; und darum bricht alles schmerzlich wieder auf, als er dem süßen Mädel aus Wien begegnet, das mit seinem schwermutsheiteren Charme und seiner Eignung zum hübschen Fräulein Opfer offenbar ein ewiges Traumbild österreichischer Autoren bleibt.

Immer wieder kommt Benda in Gedanken auf sein Dorf zurück, auf das alte schwäbische Bauerndorf, das ihm einst ein enges Gefängnis aus Dünkel und Winkel war und nun, da es ihm unerreichbar ist, doch manches Mal wie sein verschollenes Glück erscheint: "Die Widersprüchlichkeit der Gefühle. Gefühle, die sich gegeneinander richten und sich als Betrug und Selbstbetrug ergänzen." Benda, der sich in der westlichen Großstadt nach jenem östlichen Dorf zurücksehnt, in dem er sich immer nach der urbanen Freiheit des Westens gesehnt hatte, weiß, daß es für ihn keine Heimat mehr geben wird.

Richard Wagner ist ein behutsamer, zurückhaltender Erzähler, der sich die großen Worte und die wohlgefügten Sätze, die nichts als ihre eigene Schönheit vorzuführen haben, ebenso versagt wie seinen Figuren die heroischen Gesten. Sein schmaler Roman, der vom Scheitern der Liebe und von der Vergeblichkeit der Heimatsuche erzählt, eröffnet keinen tröstenden Ausblick. Es sei denn, man sieht in der Kraft, Entfremdung zu gestalten, ohne mit ihrem Genuß zu kokettieren oder aber auf billige Versöhnung zu setzen, doch so etwas wie Hoffnung. Karl-Markus Gauß

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