Von Harald Steffahn

Hamburg

Weil sie nachmittags in ungeheizten Klassenraumen unterrichten müssen, überkommt die Lehrer manchmal das Zittern: Pädagogen der Jugendmusikschule Hamburg (JMS) bringen im Winter Warmflaschen mit, ziehen sich an wie für Arktisexpeditionen, haben heißen Tee griffbereit und lehren Klavier-, Violine- oder Blockflötenspiel mit Handschuhen. Besonder Blockflöten ahnden Unterkühlung mit miserabler Tonqualität. Die solcherart mißhandelten Instrumente schulen nicht das Gehör, sondern verderben es eher. Ähnliches gilt für Klaviere und Flügel, die niemand stimmt. Vom Austausch einiger Tastenveteranen gegen neue Instrumente können die Lehrer nur träumen. Noten für Cello, Gitaire, Klarinette, Saxophon und Querflöte kaufen sie vom eigenen Geld.

Die Staatliche Jugendmusikschule in Hamburg mit ihren 370 Lehrern und 7200 Schülern besitzt keine eigenen Räumlichkeiten. Selbst die Zentrale mit der Schulleitung (Wolfhagen Sobirey) wird lediglich geduldet in der Schule Bei der Katharinenkiiche. Zum Vergleich: Die West-Berliner Jugendmusikschule verfügt über neunzehn eigene Gebäude, Stuttgart hat sieben, München sechs; selbst Bcchum, an Einwohnerzahl viermal kleiner als Hamburg, besitzt vier. In Hamburg ist die JMS auf zweihundert Schulen verteilt und zahlt dafür jährlich 800 000 Mark Miete. Eine am Stadtrand aufgelöste Schule wurde der JMS angeboten, aber nicht akzeptiert, weil sie zu weit draußen liegt. Ein zentraler gelegenes Gebäude – wenigstens eins! – wird nicht verfügbar gemacht.

Alle Lehrer sind teilzeitbeschaftigt, ein Siebtel mit "halben" BAT-Vertragen; die weit Überwiegende Zahl wird auf Stundenbasis honoriert. Daher sind die meisten Kollegen gezwungen, im Hamburger Umland dazuzuverdienen. Die dortigen Musikschulen zahlen besser. Wer irgend kann, kehrt Hamburg den Rücken. Unter der städtischen Konkurrenz führt Düsseldorf mit 73 vollbeschäftigten Musikschullehrern vor Köln (70), München (56), Dortmund (42), Bremen (39). Stritte die Jugendmusikschule der Hansestadt um den Rang der am schlechtesten versorgten, die Goldmedaille wäre ihr sicher.

Doch der Eindruck, die Institution stünde völlig verlassen da, täuscht. Die zuständige Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung unterstützt die JMS in der Forderung nach Reformen. Ende Juii gab Senatorin Rosemarie Raab auf Empfehlung ihres Staatsrates Hartwig Granzow den Klagen Ausdruck: Der Bürgerschaft ging ein Wunschkatalog zu. "Die Staatliche Jugendmusikschule Hamburg hat mit der Entwicklung des öffentlichen Musikschulwesens in der Bundesrepublik Deutschland nicht Schritt halten können", heißt es in der Vorlage; ein höfliches Eingeständnis. In der Behörde weiß man nun, daß Hamburg in der Musikpädagogik Schlußlicht ist.

Tausend Kinder werden auf Wartelisten geführt. Die Lehrkräfte der JMS mit den ihnen zugebilligten Achtel-, Viertel-, Drittel-Auslastungen oder allenfalls halben Verträgen können neue Schüler nur bei Abgängen annehmen oder bei Lehrerwechsel. Die Nachfrage wachst aber. Schließlich ist die Jugendmusikschule mit Unterrichtskosten von 600 Mark jährlich für eine halbe Wochenstunde und 1200 Mark für eine (nur mit Sondergenehmigung gewährte) ganze Stunde erheblich billiger als Privatlehrer. In den Schulen wird Musik oft nicht unterrichtet. Eltern melden heute schon Dreijährige an, damit sie vielleicht mit sechs die Chance haben, einen Lehrer zu bekommen.