Viel hätte nicht gefehlt, und der Architekturkritiker und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer hätte in seinem Mitte der zwanziger Jahre verfaßten Roman "Ginster" einen Architekten und seine Auffassung vom Bauen beschrieben, der damals gerade frisch in die Wiege gelegt worden war. Kracauer charakterisierte seine Titelfigur Ginster so: "Trotz seiner Anlagen war Ginster mit dem Architektenberuf nicht zufrieden. Je mehr er sich anzupassen suchte, desto deutlicher erkannte er, daß der Zauber der zeichnerischen Darstellungen sich verlor, sobald sie durch Backsteine und Maurer verwirklicht wurden. Statt sonderbar verschlungene Figuren im Gebäude münden zu lassen, hätte er es vorgezogen, alle nützlichen Gegenstände in Figuren zurückzuzerlegen. Zu den wunderbaren Erfahrungen gehörte ihm das Auftauchen fremder Linienwelten an beliebigen Orten. Viele Stunden verbrachte er über dem Mikroskop, in die Strukturen der Stoffe vertieft..."

Ginster, der an der Unterwasser-Fauna von Straßenpfützen die Bauordnung der Natur erforscht: Das ist – fast lächerlich genau literarisch vorweggenommen – der Architekt Frei Otto, wie er leibt und lebt. Der international bekannte und hochgeschätzte "Vater" moderner Zeltdachkonstruktionen ist dieses Jahr 65 Jahre alt geworden; das war für ihn Anlaß, drei Jahre vor dem letzten möglichen Termin auch die Leitung jenes Instituts für leichte Flächentragwerke aufzugeben, das 1964 an der Stuttgarter Universität eigens für ihn eingerichtet worden war und dessen einzigartige, interdisziplinäre Arbeitsweise die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler in der ganzen Welt erregte. Diese Forschungsstätte für Leichtbau und "natürliche" Konstruktionen – sie wird kurz IL genannt und ist selbst in einem von Frei Otto entworfenen Zelt-Pavillon auf dem Universitätscampus in Stuttgart-Vaihingen untergebracht – droht nun kopflos zu werden: Ein Nachfolger für Frei Otto ist nicht in Sicht; man will das Institut einer Kommission unterstellen, die die Leitung an wechselnde Gastprofessoren delegieren wird – zumindest so lange, bis ein würdiger (und williger) Nachfolger gefunden ist.

Leicht kann das nicht sein. Die Arbeitsbiographie des scheidenden IL-Direktors dürfte in der Wissenschaftsgemeinschaft wenige Parallelen haben. Auch unter den Architekten und Bauingenieuren – den Praktikern also – gibt es kaum Persönlichkeiten mit ähnlich weitem Interessenhorizont wie dem Frei Ottos. Der sieht sich nicht einfach als Architekt, sondern als (Bau-)Künstler, Techniker und Naturforscher zugleich; ein Selbstverständnis, das einerseits weit über die sozialtechnologischen Allmachtsphantasien etwa der Bauhaus-Architekten hinausweist, andererseits aber sehr viel bescheidener ist in dem Streben nach Einfügung in das Natürliche, nach Vermittlung und Ausgleich. "Der Architekt vermittelt zwischen Mensch und Lebensraum", schrieb Frei Otto 1953 in seiner Dissertation mit dem Titel "Das hängende Dach": "Sein Werk ist das Haus. Es ist so umfassend wie der Mensch, im Wesen untechnisch."

Zum Lebensraum – das hatte der junge, in Berlin an der Technischen Hochschule Charlottenburg ausgebildete Architekt früh erkannt – gehört die Natur; dementsprechend faßte Frei Otto seinen Architekturbegriff weiter, als es damals üblich war, er definierte ihn ökologisch: "Nicht das Haus im üblichen Sinne ist Architektur, sondern dieses Klima, in dem wir die Erde so lebensträchtig wie nur irgend möglich machen." Frei Otto bekam für seine originelle Dissertation nur die Note Zwei. Trotzdem wurde sie sofort publiziert und forderte umgehend die Aufmerksamkeit der Fachwelt heraus: Hängende Dächer, kühne Netz- und Schalenkonstruktionen kamen dem "modernen" Formempfinden der Nachkriegsjahrzehnte entgegen, versprachen überdies Flexibilität und oft auch Wirtschaftlichkeit, man nutzte diese Techniken bald in aller Welt beim Bau von Versammlungsräumen, Sport- und Messehallen oder bei Fabrikgebäuden – wenngleich sie Ottos technischen und ästhetischen Ansprüchen beileibe nicht immer genügten.

Frei Otto, der nach seiner Publikation etliche Pavillonbauten für Gartenschauen (in Kassel, Köln und Hamburg) und einige wegweisende Membrankonstruktionen errichten konnte, wurde bald bekannt als der Architekt, der statt Häusern Zelte baut. In Berlin regte er 1957 die Einrichtung einer "Entwicklungsstätte für den Leichtbau" an, 1964 bekam er den Ruf nach Stuttgart, wo sich für den Experimentator die Zusammenarbeit mit risikofreudigen Praktikern ergab: Gemeinsam mit Rolf Gutbrod baute Frei Otto den deutschen Zelt-Pavillon für die Weltausstellung Expo 67 in Montreal; 1972 wurde er Co-Autor der berühmten Olympiadächer in München (Architekten: Behnisch & Partner); 1975 entwarf er zusammen mit Carlfried Mutschier die Multihalle in Mannheim, eine organisch zerfließende Gitterschalenkonstruktion.

Gleichgültig, ob man Frei Ottos Namen mit ausgeführten leichten Bauwerken verbindet oder mit den zahllosen "Laborstudien", die – wie etwa die weitflächig sonnenbeschirmte "Stadt in der Wüste" oder die von einer riesigen transparenten Kunststoffkuppel überdachte "Stadt in der Arktis" – Utopie geblieben sind: Dem Künstler-Ingenieur-Architekten war es vorbehalten, Ludwig Mies van der Rohes oft mißverstandene, immer nur formalistisch interpretierte Maxime "Weniger ist mehr" endlich auch als eine konstruktive Maxime zu begreifen. Frei Otto glaubte als junger Mann, es müsse für jede Bauaufgabe eine einzige "beste" Lösung geben – die mit dem kleinsten technischen Aufwand und minimalem Aufwand an Material. Dieser Gedanke führte in logischer Zwanglosigkeit zur Erforschung "natürlicher" Tragwerke und Konstruktionen: So erweiterte sich der Arbeitsbereich des Stuttgarter Instituts für leichte Flächentragwerke unversehens ins Uferlose.

Frei Ottos Team fing an, in den Forschungsgebieten fremder Disziplinen forschend herumzuvagabundieren – in der Biologie, in der Physik, in der Paläontologie, in der angewandten Mathematik, der Verhaltensforschung und der Chemie etwa, um nur die wichtigsten Fächer zu nennen. Wie bauen Korallen ihre Riffe? Wie ist ein Seeigel beschaffen, ein Grashalm, ein Knochen, ein glibbriger Einzeller? Wie sehen die Wegenetze in ungeplanten Siedlungen der Dritten Welt aus? Fragen wie diese mündeten in ein synergetisches Forschungskonzept, dessen Gegenstand "selbstorganisierende" Prozesse in der belebten und unbelebten Natur sind.