Das poetische Talent des Lyrikers Klaus Hensel ist in der Bundesrepublik relativ früh erkannt und mit zahlreichen Literaturpreisen honoriert worden, zuletzt bei den Kranichsteiner Literaturtagen 1988. 1954 in Kronstadt, der zweitgrößten Stadt Siebenbürgens geboren, gehört Hensel zu der Generation rumäniendeutscher Lyriker, die der größenwahnsinnige Despot Ceau§escu in den achtziger Jahren aus ihrer Heimat vertrieb. Als "rumäniendeutscher Lyriker" etikettiert zu werden, hat Klaus Hensel gleichwohl - aus verständlichen Gründen - stets widerstrebt. Denn mit solchen bequemen geographischen Zuschreibungen ist für das Verständnis seiner Lyrik nichts gewonnen.

Zwar verweisen die Gedichte seines einhellig gefeierten Bandes "Oktober, Lichtspiel" (1988) auf die Erfahrungen des Exils, sprechen von Ausgesetztsein und Heimatverlust. Aber es haften ihnen keine regionalen Eigentümlichkeiten, keine "rumäniendeutschen" Spezifika an. Im Gegenteil: Hensel schreibt eine streng konzentrierte, lakonische Gedichtsprache, die sich den Traditionen der poetischen Moderne verpflichtet weiß. Am ehesten lassen sich seine Gedichte mit der elegischen Dichtung von Peter Huchel und Johannes Bobrowski vergleichen: mit einer Lyrik, die auf die evokative Kraft des einzelnen Wortes vertraut.

In seinen poetologischen Notizen über die "unreine Sprache", die vor einiger Zeit in der Hensel eine subtile Beschreibung seiner eigenen Gedichte versteckt "Gedichtsprache", heißt es da, "weist eine besonders hochgradige Eigenausstrahlung auf, es gibt, wenn man so will, in Gedichten zahlreiche Wortagglomerationen, die aufgrund ihrer Eigenaufladung permanente Assoziationsketten auslösen Auch die Gedichtsprache Hensels lebt ganz von der suggestiven Kraft solcher "Wortagglomerationen": Es ist eine Dichtung der semantisch aufgeladenen Schlüsselworte, der Wörter von "enormem Wallungswert" (Benn), an die sich die unterschiedlichsten Konnotationen anlagern. Jedes lyrische Wort ist ein Strahlenbündel, der Sinn bricht in verschiedene Richtungen aus und strebt niemals auf einen einzigen fixen Punkt hin.

Bemerkenswerte Gedanken zum Wesen des poetischen Prozesses formuliert Hensel auch in seinem neuen Gedichtband "Stradivaris GeigenStein". Jedem der sechs Kapitel sind einige poetologische Thesen vorangestellt. Fast mutet es wie eine kleine Sensation an, wenn sich hier ein zeitgenössischer Lyriker an die Formulierung einer eigenen Poetik wagt. Zu lange war das Feld der Lyrik Theorie besetzt von den schnoddrigen Selbstironisierungen der neusubjektiven Alltagsdichter, die zu ihren lässigen Poemen ebenso (nach)lässige Statements gratis mitlieferten.

Hensel setzt nun neue Akzente in der seit Jahren darniederliegenden Lyrik Diskussion. Er mogelt sich nicht, wie viele Lyriker Kollegen (und eingestandenermaßen auch Lyrik Kritiker), mit erlesenen Zitaten um die Formulierung eigener Gedanken herum, sondern entwirft ebenso originelle wie kühne Thesen. Gegen alle klassizistischen Konzepte von Ganzheit, Perfektion und Harmonie plädiert Hensel für die kunstvoll herbeigeführte Dissonanz, für "formale Imperfektion", für "unvorhersehbare Bruchstellen" im poetischen Text. Die ehrwürdigen Träume vom "vollendeten Kunstwerk" wischt er ebenso energisch beiseite wie den spätromantischen Glauben an Zauberspruch und Zauberwort.

Hensel spricht von internen "Brüchen", von lebensnotwendigen "Defekten" des Gedichts, vom "chronisch unvollständigen System" der Poesie. Dabei rekurriert er auf Theoreme der Biologie und der Physik, vergleicht die Struktur eines Gedichts mit einem Makromolekül und einem Quarzkristall, um neue Begriffe für seine Poetik des offenen Gedichts zu finden. So kommt er schließlich zu einem paradoxen Resümee: "Auch das Gedicht lebt von dem, was fehlt: von den mangelhaft besetzten Strukturen, von den herbeigeführten Brüchen an den Oberflächen der Schale Der Autor eines Gedichts hat für die Brüche im Text zu sorgen und einen organisierten Zerrfall. Das Geheimnis von Dichtung ist die gelungene Simulation einer Zerfallsreihe "

Über die Gültigkeit von Hensels Thesen läßt sich nicht theoretisch entscheiden. Zwar ist ihre Originalität unstrittig. Aber eine ambitionierte Poetik muß sich wie alle Theorie in der Praxis, an Gedichten bewähren, sonst bleibt sie intellektuelles Dekor.