Von Georg Eyring

Warum blättere ich jetzt lieber in Andy Warhols Tagebüchern als in deutscher Literatur? Warum interessiert mich gerade mehr, daß nicht etwa Marilyn Monroe ihn, sondern er Marilyn Monroe hat stehenlassen, der unsägliche Thurn und Taxis? "Und dann zog sie an einem Bändchen und stand splitternackt da." Nach eigenem Bekunden hat er bloß ihre Brüste getätschelt und ist davongerannt: "Bis später."

Nicht daß ich ein Indiskretin wäre. Mich interessiert auch gar nicht so sehr die praktische Widerlegung von Brechts Satz: "Fleisch macht scharf, und Geld macht sinnlich." Aber was macht einen guten Roman oder eine gute Erzählung aus? Daß man einen ersten Satz liest, der einen so neugierig macht, daß man den zweiten liest – und immer so weiter, bis zum Schluß. Haben wir davon zur Zeit so viel?

Und wer kann in diesen jubelnd-tosenden Tagen noch die sinnlosen Debatten über deutschdeutsche Literatur ertragen?

Jurek Beckers neuestes Buch "Warnung vor dem Schriftsteller" ist ein Lichtblick. Es enthält seine drei Frankfurter Poetik-Vorlesungen, in denen er präzise und nur scheinbar mild-ironisch nicht nur die Unterschiede zwischen deutscher und deutscher Literatur auf den Begriff bringt, sondern in der Auseinandersetzung mit einem Freund und Befürworter des Zeitgeistes das Scheitern der Literatur überhaupt beschreibt. Lesen wollte ich dieses Buch, weil ich fand, daß Jurek Becker sympathisch spitze Sätze "Über die letzten Tage der DDR" geschrieben hatte, im ersten Heft der neuen Neuen Rundschau: "Der Westen hat gewonnen, das ist das Problem. Kein Zweifel, daß der real existierende Sozialismus untergeht...Die Bevölkerung dort kennt keine größere Sehnsucht, als die fundamentalen westlichen Grundsätze zu übernehmen: möglichst viele Waren in Müll zu verwandeln."

Und doch hat Becker recht, wenn er sagt, daß das Wichtige an den sozialistischen Ländern nichts Sichtbares ist, sondern eine Möglichkeit – diese Mischung aus bürokratischem Übersoll, Verrottung und altfränkischer Unberührtheit. "Dort ist noch nicht alles so entschieden wie hier." Aber er schränkt sogleich ein: "Diese Ungewißheit muß nichts Gutes bedeuten, aber sie hält die einzige Hoffnung am Leben." Osteuropa kommt ihm wie ein letzter Versuch vor. "Wenn der beendet wird, dann kann man sein ganzes Geld von der Bank holen und es vertrinken."

Letzte Sätze über die DDR-Literatur: Ihre ungleich größeren Folgen erklärt Becker in seiner ersten Poetik-Vorlesung schlüssig. Weder die größere Qualität noch eine höhere Sensibilität der Leser sei ausschlaggebend. "Die Erklärung liegt vielmehr darin, daß die Literatur der DDR ihren Einfluß zum größten Teil der Existenz der Zensur verdankt." Die Leser der ehemaligen DDR wünschten nichts so sehr wie ein Anliegen.