"Nur eine kleine Frage...", so schrieben wir einigen Autoren aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Eine Frage: schwieriger zu beantworten als ein ganzer Fragenkatalog. Auch wenn sich hinter der einen zwei Fragen verstecken mögen – eine Zumutung war es schon. Eine Zumutung ist eine solche Zeitungsanfrage immer. Denn was, um alles in der Welt, verpflichtet den Schriftsteller, sich angesprochen zu fühlen? Vielleicht: die Tradition. Eine lange, ehrwürdige Tradition. Wie oft sind die Dichter in diesem Jahrhundert allein nach ihrem Verhältnis zu Deutschland, nach ihrer Meinung über Deutschland, nach ihrem Rat für Deutschland gefragt worden! Und wie oft erst seit dem November 1989! "Zu öffentlichen Umfragen betr. Deutschland-Deutschland kann ich mich ernsthaft gar nicht mehr äußern. Ich verschick nur noch private Ansichts-Karten." So schrieb Peter Rühmkorf in seinem Brief – und im Postskriptum: "Und habe mich dann doch noch einmal zu einem Statement aufgerafft. Mit genau jenem Bitterstoff, den ich vermeiden wollte." Martin Walser beginnt seine Antwort mit den Worten: "Vielleicht sollten wir jetzt bald einmal aufhören, dieses Land wie etwas auf dem Prüfstand zu beobachten." Deutschland – kein Thema mehr? Wünschenswert wäre es vielleicht: das Stück Normalität, das Nachfragen erübrigen würde. Aber: Schade um die vielen schönen Umfragen der Zukunft.

vhg.

Erwarten? Im Sinne von voraussehen? Nicht viel Gutes. Ich erwarte (was eigentlich keines besonderen Weitblicks bedarf), daß man den Sozialismus jetzt mal ordentlich entgelten läßt, was man seinerzeit an den Nazis versäumt hat. Ich erwarte ferner die naheliegende Einführung von Erste-Strophe-Deutschlandlied als Nationalhymne und einen positiven Volksentscheid betr. Bild- Zeitung als Reichsbundesflagge. Ich erwarte bei wachsender Entfremdung von herrschenden Freiheits- (in) und Gleichheits(out)-Vorstellungen nicht einmal ernst zu nehmenden Widerspruch von Seiten sogenannter Linksintellektueller (out) und die Ablösung des guten alten Außenseiters (out) durch den rechtsdrehenden Konversions-Kontorsionisten (Giga-in). Da bei dem über uns verhängten Utopieverbot zu wünschen nicht mehr viel übrigbleibt, begnüge ich mich damit, hinter die Zukunft jetzt schon drei Kreuze zu schlagen.

Ich gehe vor allem davon aus, daß der nun gesamtdeutsche Literaturstandard sich durch das vermutlich massierte Eindringen des gesammelten DDR-Literaturquatsches von Christa Wolf bis Wolf Biermann noch einmal verschlechtern und verfinstern wird; jedenfalls vorerst. Umgekehrt sind die Leipziger und Weimarer Literaturfreunde für unsere halbwegs lesbare West-Literatur von Wolf Wondratschek bis Ror Wolf bei allem guten Lesewillen einfach zu blöde; vorerst jedenfalls.

Von einem vereinten Deutschland erwarte ich, daß es alle Anstrengung unternimmt, um seinen östlichen Teil, die ehemalige DDR, innerhalb kürzester Zeit auf das wirtschaftliche Niveau seines westlichen Teils, der ehemaligen BRD, zu heben, wobei die Menschen in keinem der beiden ehemaligen Teile eine anhaltende wirtschaftliche Einbuße erleiden sollten. Ich erwarte, daß das marktwirtschaftliche System in ganz Deutschland als ein sozial-marktwirtschaftliches System anerkannt und betrieben wird; daß man also etwa der Beseitigung der Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland eine vorrangige Bedeutung zumißt. Ferner erwarte ich, daß Kooperation mit dem bisherigen DDR-System als eine aus dem Zweiten Weltkrieg stammende, der DDR von außen aufgezwungene Haltung begriffen wird, so daß kein die Gesetze der DDR einst achtender Bürger wegen seiner damaligen Systemtreue heute in Angst leben muß. Ich erwarte, im Einklang damit, äußerste Milde gegenüber jenen, die vielleicht aus zu großer Gesetzestreue manche ihrer Mitbürger in Schwierigkeiten gebracht haben. Ich lehne jede Art wirtschaftlicher Bestrafung für ehemalige DDR-Funktionäre ab, wenn eine solche Einschränkung den Betreffenden an den Rand seiner Existenzmöglichkeit drückt. Echte Errungenschaften wie das liberalere Abtreibungsgesetz der ehemaligen DDR sollten in ihrem bisherigen Bereich unangetastet bestehen bleiben und darüber hinaus die Chance erhalten, im ganzen vereinten Land wirksam zu werden. Schließlich halte ich es für unerläßlich, alle kulturellen Einrichtungen der ehemaligen DDR gewissenhaft daraufhin zu prüfen, was darin an Gutem, Neuem und Zukunftsträchtigen geleistet wurde, das im Sinne einer human orientierten deutschen Einheit ungebrochen weiterzuführen ist.

Ich erwarte von Deutschland nichts Gutes. Ich hoffe aber, daß ich mich irre.

Für das vereinte Land erhoffe ich eine radikale Demokratie im Sinne des Carl von Ossietzky. Ich werde sie aber nicht mehr erleben.