Dem vereinten Land ist angesichts des formatlosen Untergangs des Modells Schweiz – es handelt sich um die frühere, eifrige Moraltante der jungen Bundesrepublik nach dem Krieg – zu wünschen, daß ihm jede Verschweizerung erspart bleibe. Es gibt nun fast so viele deutsche Bundesländer wie schweizerische Kantone...

Dem vereinten Land ist keine vereinte Literatur zu wünschen, es wäre denn, der allmächtige Gregar-Instinkt (Herdentrieb) siege auch da. Die deutschsprachige Literatur verdankt den deutschsprachigen Minderheiten wesentliche Impulse: Vielleicht hält sich das vereinte Deutschland eine schreibende deutsche Minderheit?

Die deutsche Literatur, denke ich, kommt fortan verstärkt ins internationale Schaufenster. Ihre Tugenden werden etwas größer, ihre Schwächen etwas weniger verzeihbar. Ein kluger Blick nach Osten schlägt bei manchen deutschen Schreibenden vielleicht zu Buche: Dort ist das Temperament, dort ist die Monomanie, dort ist die wild kontrollierte Fantastik, dort ist die ergrimmte Stil-Hitze zu Hause. Das mag übertrieben klingen und gar falsch sein. Man weiß, was ich meine –

Vielleicht sollten wir jetzt bald einmal aufhören, dieses Land wie etwas auf einem Prüfstand zu beobachten. Diese Beobachtungshaltung produziert Phänomene. Von Deutschland ist nichts anderes zu erwarten als von jedem anderen Land. Die einen werden ihr Geld damit verdienen, daß sie es schmähen, die anderen damit, daß sie es preisen. Und beide werden so recht haben, wie man beim Schmähen und Preisen recht haben kann. Wir werden unsere Links- und unsere Rechtsextremisten haben. Deutschland wird wahrscheinlich nicht beliebter sein, als die BRD und die DDR es waren. Woher auch? Man lebt da verhältnismäßig katastrophenarm, verhältnismäßig anständig, verhältnismäßig sicher und nicht viel ungerechter als irgendwo anders. Aber gerade dieses mittlere Gelingen reizt den Reizbaren. Aber ein Land muß wohl dafür sorgen, daß sich die meisten dem pursuit of happiness widmen können. Nicht jeder kann sein Glück in Verzweiflung machen. Ganze Kulturen der Verachtung hat Amerika provoziert durch seinen Willen zum Glück. Aber verglichen mit Deutschland ist Amerika ein faszinierend romantisch-böses Chaos-Land. Deutschland ist AOK. Der Gerechtigkeitsleyel steigt und steigt. Moralisten schäumen ins Gegenstandslose. Das verzeihen sie nie. Ich bin immer noch sehr froh, daß die DDR-Bevölkerung sich für die Vereinigung entschieden hat. Daß dieses fabelhafte Geschehen in ein Wahljahr fällt, heißt nicht, daß die Opposition bis zur Selbstverblendung dagegen sein müßte. Das Ganze ist mehr als die Summe der Parteien. Ich kann diese demokratischste Entwicklung der ganzen deutschen Geschichte nicht Zwangsvereinigung nennen. Aber ich finde nicht, daß wir etwas Besonderes erwarten dürften. Soll doch jeder etwas von sich erwarten statt von Deutschland. Deutschland ist nicht dazu da, meine Probleme zu lösen. Auch nicht die des Patrick Süskind. Muß er deshalb Augstein, der anderer Meinung ist, frühvergreist nennen?

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