Von Heinz Josef Herbort

Eigentlich hätte es der Anfang einer Gipfelbesteigung werden sollen, die Realisierung einer Utopie: in einem Ganzen mehr noch als die Summe seiner Teile zu erhalten – in der gemeinsamen Arbeit zweier Berufener das Wunder des fast Vollendeten zu ermöglichen. Der Szeniker Götz Friedrich und der Musiker Giuseppe Sinopoli an einem Haus, zwei Künstler, die den Fundus europäischer Geistes- und Kulturgeschichte in sich tragen und doch stets aufs Neue hin sich ausrichten, in wechselseitigen Impulsen einander die Kreativität steigernd – mein Gott, was für eine Zeit sahen wir da angebrochen?

Aber das ist ja das Wesen einer Utopie: daß sie unausführbar bleibt, schwärmerische Vorstellung, ein zu kurz gebliebener Wille. Denn bei aller (gewiß nicht nur spätromantisch Nietzsche nachvollziehenden) Reverenz: Dem Genie haftet noch ein bißchen vom Menschen, und zweien nebeneinander manchmal sogar recht viel. So müssen wir, auch wenn die Tage kürzer werden, weiter mit den Teilen vorliebnehmen. Die freilich können ja durchaus auch für sich groß sein, wie es sich jetzt, Kontroversen ausklammernd, an der Deutschen Oper Berlin zum Saisonauftakt mit einer neuen, mit Recht stürmisch gefeierten "Salome" von Richard Strauss ergab.

"Hättest du mich angesehn ..." – ja was dann? "Du hättest mich geliebt." Woher nur nimmt die doch noch so junge Prinzessin diese Selbstsicherheit, diese Überzeugtheit, dieses Wissen über die in ihr liegende und wirkende Kraft eines fast die menschlichen Grenzen übersteigenden Eros?

Als Richard Strauss diese Stelle vertonte, setzte er uns eine klingende Warnung ins Orchester. Da ist zunächst in den Posaunen der zuckende Motivkern der zugleich sich Entdeckenden und auf den anderen Lauernden: "Ich bin verliebt in deinen Leib" hatte es beim ersten Erklingen und damit chiffrierend zu dieser musikalischen Formel geheißen. Dann die imitierend repetierte und gedehnte Version der fordernd Hartnäckigen: "Ich will deinen Mund küssen" heißt die dazugehörige verdeutlichende Zeile. Schließlich, als Signal von Fortissimo-Bläsern eingeworfen, die jetzt schon für uns erinnerliche Kontrapunkt-Figur aus Salomes Tanz in ihrer ursprünglichen demonstrativen Gebärde: Ich werde alles auf eine Karte setzen. Zu diesen melodischen Hinweisen fügte uns der Komponist harmonische: In kühnem, aber strengem Stufengang schreitet er vom tragischen F-moll zum lyrischen Cis-dur.

Giuseppe Sinopoli baut diese Stelle (Ziffer 347) wirklich "sehr lebhaft" zunächst als markantes Trompeten-Signal über einer schwirrenden Streicherfläche auf, forciert dann noch für die mit Oboen gefärbten Posaunen, läßt die tiefen Bläser ihr Motiv steigern – und gestattet dann der Sängerin nach ihrem ersten Halbsatz das demonstrative Mittel einer Fermate, eines Doppelpunkts von tragischer Schwere, hinter dem das wissende Orchester sein "Liebes"-espressivo molto um so wirkungsvoller ansetzen kann.

Was hier so lyrisch-deskriptiv klingen mag, könnte freilich auch strukturanalytisch simplifiziert werden: 4 plus 4 plus 2 Takte, Fermate, 2 plus 2 plus 2 Takte – eine "accelerierende Symmetrie". Für das folgende, noch gewichtigere, in seiner harmonischen Umdeutung noch kompliziertere und im Munde einer so jungen Frau um so erstaunlichere Diktum "Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes" gilt eine ähnliche Ambivalenz von Form und Inhalt. Ja, sie gilt für die ganze Partitur.