Von Wilfried Kratz

Die "düsteren Stimmen", die sie "ganz plötzlich" vernimmt, versteht Margaret Thatcher nicht: "Die Zeitungen sprechen von einer weltweiten Rezession, einer Rückkehr zur Stagflation und dem Ende des britischen Wirtschaftswunders." Dabei gehe es doch nur darum, "kurzfristige Schwierigkeiten" zu überwinden. Vor allem kann sich die britische Premierministerin nicht so recht erklären, "warum nach Jahren stetigen wirtschaftlichen Fortschritts nun auf einmal dieser Selbstzweifel die Geschäftswelt – oder vielleicht genauer: die Presse – befallen hat".

In Großbritannien mehren sich die Anzeichen, daß das Land in eine Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit, Werkschließungen und Konkursen treibt, die Inflation aber sich eher noch beschleunigen wird. Es wäre ein ernüchterndes Ende des achtjährigen Aufschwungs.

Die "düsteren Stimmen" könnten leicht auch die Vorboten der Götterdämmerung sein. Denn eine verfehlte Wirtschaftspolitik wäre für Margaret Thatcher der vielleicht entscheidende Nachteil bei den nächsten Wahlen, zumal die Labour-Opposition das sozialistische Erbe über Bord wirft und sich anschickt, in neuem sozialdemokratischem Gewande eine endlich wieder wählbare Alternative zu werden. Kein Wunder, daß konservative Parteistrategen dafür plädieren, die fünfjährige Amtszeit der Regierung voll auszuschöpfen und erst im Frühjahr 1992 den Urnengang zu wagen – in der Hoffnung, daß bis dahin die Wirtschaft wieder "in Ordnung gebracht ist".

Die Golfkrise schadet Großbritannien wirtschaftlich ebenso wie anderen Ländern. Die Verdoppelung der Ölpreise heizt die Inflation an und dämpft das Wachstum. Aber diese Krise trifft die Insel in einer Zeit, da das Land ohnehin geschwächt ist. Von einer Katerstimmung nach dem Kredit- und Konsumrausch gepackt, sucht es nach einem neuen Gleichgewicht. Aber die Exzesse der Vergangenheit lassen sich schwer überwinden.

Nach dem starken Einbruch in den Jahren 1980 und 1981 erlebte Großbritannien einen Aufschwung mit beachtlichen Wachstumsraten. Das Land steigerte sich in den Glauben einer ewig währenden Prosperität. Die Briten jagten den immer teureren Häusern nach, borgten reichlich verfügbares Geld und schwelgten im Verbrauch. Die Thatcher-Regierung hatte zwar eine ganze Reihe struktureller Reformen durchgesetzt, von der vielzitierten Entmachtung der Gewerkschaften bis zur "Befreiung" der Unternehmer. Die Euphorie des sogenannten Wunders wiegte die Regierung aber in der falschen Sicherheit, eine ausreichende Basis geschaffen zu haben.

Vor über zwei Jahren setzten Zweifel ein, ob man des Guten nicht zuviel getan habe und ob die alte Inflationsmentalität tatsächlich besiegt sei. Die Regierung schaltete auf Konjunkturdämpfung um und verdoppelte den Zinssatz in elf Schritten von 7,5 auf 15 Prozent, wo er nun seit genau einem Jahr verharrt. Doch so unentwegt der Kampf gegen das "vielköpfige Ungeheuer" der Inflation gepredigt wurde – so unentwegt zog die Inflationsrate an. Inzwischen liegt sie bei 10,6 Prozent.