Von Rostislaw Solotarjow

MOSKAU. – Es ist nicht alltäglich, daß ein ganzes Land von der politischen Landkarte verschwindet. Ich verabschiede mich von der DDR ohne Nostalgie, obwohl jeder sich an seine Jugendtage mit einer gewissen Wehmut erinnert.

Mein Verhältnis zur DDR begann, als ich als Teenager mit meinen Eltern in Ost-Berlin lebte. Dort arbeitete mein Vater als stellvertretender Leiter der sowjetischen Handelsmission in der DDR und West-Berlin. Später, schon als erwachsener Mann, habe ich die DDR dann mehrfach besucht.

Ich war Augenzeuge der zweiten Spaltung Berlins 1961. Ich sah, wie sowjetische und amerikanische Panzer einander gegenüberstanden. Ich erlebte, wie "Kampfgruppen" der DDR-Arbeiter die Straßen Berlins sperrten. Ich hörte – und nicht nur einmal – Schüsse in der Nacht (wir wohnten Unter den Linden, nicht weit vom Brandenburger Tor). In jenen Tagen sah ich Angst und Unruhe auf den Gesichtern meiner Eltern. Diese Erlebnisse der Teilung Deutschlands fallen mir immer wieder ein; sie stören die Erinnerung an andere, heitere Kindheitserfahrungen. Und sie waren es, die in späteren Jahren mein Denken über Deutschland bestimmten.

Diese Spaltung war etwas Reales, Greifbares. Man konnte sie mit politischen und ideologischen Argumenten erklären. Aber ich hatte von meinen Eltern gelernt, Deutschland als Ganzes zu betrachten. Natürlich sahen auch sie die Realitäten; doch ihr Geschichtsverständnis setzte sich über die Barrieren aus Stein und Draht hinweg.

Deutschland als Ganzes erfuhr ich in der Sprache, die mir meine Mutter seit meinem sechsten Lebensjahr beibrachte. Die Sprache läßt sich so wenig spalten wie die Kultur. Mein Bewußtsein deutscher Kultur war ebenfalls stark von meiner Mutter geprägt. Von meinen Eltern kannte ich Namen wie Wagner, Kant, Schopenhauer, Goethe schon als Sechsjähriger. Sich die deutsche Klassik geteilt vorzustellen erschien mir als ebenso dumm, wie es der Versuch gewesen wäre, deutsch-deutsche Grenzpfähle auf dem Goethe-Schiller-Denkmal zu errichten – egal ob senkrecht oder waagerecht. Aber ähnliches hatte ich tatsächlich in den DDR-Schullehrbüchern gelesen. Und es klang auch jahrelang in dem stillen Streit über die alldeutsche Erbschaft an, der in vielen Kulturdiskussionen unter den Stichworten "progressive" und "konservative" Kultur geführt wurde.

Manchmal nahm sich das alles sehr komisch aus. Als ich vor vier Jahren die DDR besuchte, waren dort – wie in der Bundesrepublik auch – große Veranstaltungen zu Ehren Friedrichs II. im Gange. Es war wie ein Wettstreit, welcher der beiden "Großen Fritzen" – der östliche oder westliche – der größte war.