Von Fredy Gsteiger

Für jeden eine Rose. Die Delegierten der 16. Generalversammlung des israelischen Gewerkschafts-Dachverbands Histadrut steckten sie ins Knopfloch oder legten sie vor sich auf den Tisch. Als dann aber über die Lautsprecher im Kongreßzentrum von Jerusalem die Internationale dröhnte, erfüllten Pfiffe und Buhrufe den Saal. Und manche Delegierte schauten sich mit Befremden die darauf folgenden sozialistischen Werbefilme aus den Gründerjahren Israels an, als man von einem egalitären Staat träumte und das Gelobte Land alles daransetzte, ihn zu verwirklichen. Der Gewerkschaftsleitung schien es sinnvoll, die alten Klamotten aus der Nostalgiekiste hervorzukramen. Sie machen nämlich auch deutlich, wie Israel – trotz aller Abstriche – zu einem modernen Wohlfahrtsstaat westlicher Prägung geworden ist: durch eisernen Willen und zähe Arbeit seiner Bürger.

Heute, gut vierzig Jahre nach der Gründung steht der jüdische Staat vor seiner größten nichtmilitärischen Herausforderung: Über eine Million Sowjetjuden dürften in den nächsten Jahren in dem kleinen Land mit seinen viereinhalb Millionen Einwohnern zwischen Jordan und Mittelmeer Zuflucht vor wiederaufkeimendem Antisemitismus suchen. 100 000 sind allein in diesem Jahr eingetroffen, seit Michail Gorbatschow für sie die Grenzen aufgestoßen und George Bush die seinen bis auf einen Spaltbreit zugedrückt hat. Die Zionisten jubeln, entspricht doch die Alyia, die jüdische Einwanderung nach Israel, ihrem Hauptziel, das sie mit glühendem Herzen verfochten. Zudem mildert der Zustrom die Sorge vor einem demographischen Umkippen der Mehrheiten im Land zugunsten der geburtenstärkeren Araber.

Doch sosehr die Masseneinwanderung herbeigesehnt wurde, so ungelegen kommt sie ausgerechnet jetzt. Israel vermag nicht für Hunderttausende den roten Teppich auszurollen. Und doch darf und will das Land keinesfalls dem Beispiel der biblischen Herbergsväter in Bethlehem folgen und zugeben, daß derzeit eigentlich kein Platz mehr frei ist. Nicht nur Regierungschef Jitzchak Schamir, auch Schimon Peres, der Führer der oppositionellen Arbeiterpartei, warnt vor Panikmachern:

"Israel war noch nie, weder vor noch nach der Staatsgründung gewappnet zur Aufnahme von Scharen von Juden aus aller Welt – und doch ging es immer irgendwie." Daß es auch diesmal gehen muß, ist allen klar. Gerade der Vortrag von Histadrut-Generalsekretär Yisrael Kessar auf dem Gewerkschaftskongreß belegte jedoch die Ratlosigkeit über das Wie. Kessar beließ es bei vagen Aufforderungen, sich zu einer großen Anstrengung aufzuraffen, über konkrete Maßnahmen schwieg er sich aus – wohlwissend, daß zu diesen nicht zuletzt ein massiver Abbau des allmächtigen Staats- und Gewerkschaftsapparates gehören müßte.

An das letzte wirtschaftliche Notprogramm vor fünf Jahren vermögen sich die Israelis noch gut zu erinnern. Damals kämpfte der Arbeiterparteichef Peres als Ministerpräsident mit einer Roßkur gegen dreistellige Inflationsraten. Sein Finanzminister damals war derselbe Mann, der heute dieses Amt bekleidet: Jitzchak Modai, ein ehrgeiziger Rechtsaußen im Kabinett Schamirs, der im Ausland bislang vor allem wegen seiner Unnachgiebigkeit gegenüber den Palästinensern aufgefallen ist. Modai kann Hochschulabschlüsse in Chemie, Wirtschaftswissenschaften und Recht vorweisen, gilt als "brillant", aber auch als "unberechenbar". Berüchtigt sind seine häufigen unbedachten emotionalen Äußerungen. Israels Arbeiter und Angestellte begrüßten ihn, als er im Frühsommer seinen Posten als Kassenwart wiederantrat, mit einem Generalstreik. Noch vor kurzem erklärte er vollmundig: "Wir brauchen zusätzliches Land für eine Million Menschen." Zur Frage, wie dieses denn bezahlt werden soll, gab er freilich kleinlaut zu: "Ich habe keine Ahnung."

Jetzt hat Modai nach monatelangem Trödeln ein wirtschaftliches Reformprogramm vorgestellt, das vom Kabinett gebilligt worden ist, im Parlament, der Knesset, freilich noch Änderungen erfahren und in der Bevölkerung kaum auf helle Begeisterung stoßen dürfte. Weniger Staat, mehr Markt, lautet das Motto, ohne ihm allerdings ganz gerecht zu werden.