Ohrenschmaus

Mittels eines edlen Prospekts gibt uns eine kleine Schar von Hamburger Radiomachern Kunde von ihrem Projekt: Zusammengeführt vom Medienriesen Bertelsmann, wollen sie etwas für vernachlässigte Hörer tun, die sich "klassische Musik als willkommene Alternative zur allgemeinen Musikberieselung" wünschen. Vom 27. Oktober an möchte ihr "Klassik Radio" alle verkabelten Deutschen glücklich machen. Hier sollen Hörer nicht mehr gegen eine Hydra schwierigster Präludien, Sonaten und Etüden ankämpfen müssen, denn "von den unendlich vielen klassischen Stücken sendet Klassik Radio nur die hitverdächtigen". Die Hamburger Hörfunk-Designer haben von ihren Hörern klare Vorstellungen: "Sie bevorzugen klassische Musik." Solche Hörer können keine bösen Menschen sein. Es sind Leute wie du und ich, "Menschen mit überdurchschnittlicher Bildung und höherem Einkommen, die überwiegend in größeren Städten wohnen" – mit "hohen gesellschaftlichen Vorstellungen" obendrein, Gourmets mit einem Wort, die auf Werbespots feinsinnig, doch zupackend reagieren. Deshalb macht "Klassik Radio aus dem großen Brocken Klassik kleine Häppchen, die Appetit auf klassische Musik machen sollen". Zum Achtel Prosecco gerade richtig: ein Viertel Ouvertüre.

Abgespeist

Ach du meine Güte, was serviert Ihr uns wieder mit der neuesten becel-Anzeige, Ihr Kreativtypen! "Lieben Sie Ihren Mann genug, um seine Ernährung zu verändern?" fragt Ihr in großen Lettern eine gazellige Frau, die in einer modernesckargen Wohnung sanft den Vorhang beiseite schiebt, um melancholisch aus dem Fenster zu blicken.

Der Text dazu: "Es wäre kein Wunder, wenn Sie sich wegen der Gesundheit Ihres Mannes manchmal Gedanken machten. Jeder Tag in der Firma ist für ihn lang und anstrengend. Und das geht am Körper nicht spurlos vorbei. Um so wichtiger ist, daß Sie beim Essen für einen gesunden Ausgleich sorgen" und so weiter und so fort, bis wir nach schier endlosem Trara zur Aussage kommen, daß nur diese eine Margarine allein heils- und schlankheitsbringend sei. Liebe Werbefritzen, streichfähige, die Ihr seid! Wenn Ihr schon dreist den Mann als kaum überlebensfähige malochengetrimmte Dumpfsocke hinstellt, die jeden Brocken Butter gierig verschlingt, welchen die häusliche Frau ihm abends hinwirft – Werbung ist Wahrheit, nicht wahr? –, dann solltet Ihr auch den Mut haben, Euch verquaste Arien zu sparen und einfach drüberzuschreiben: "Wann kommt der Fettsack endlich nach Hause?"