Und alles hatte so schön angefangen. Am 9. November 1989, im 200. Jahr der Französischen Revolution, fiel die Bastille des 20. Jahrhunderts: die Mauer von Berlin. Und bevor man sie einriß, sahen unsere entzückten Augen Rollschuhläufer auf ihr fahren.

Nie werde ich, ein ferner Zeuge der Ereignisse, die Menschen vergessen, die in der DDR auf die Straße gingen, nicht, um Fensterscheiben einzuschlagen, nicht, um Synagogen anzuzünden, nicht, um in den Krieg zu ziehen, nicht, um einem Führer, einem Kaiser, einem Vaterland zu folgen, im Namen keiner fremden Idee und keiner fremden Schutzmacht. Wie unvergeßlich schön waren diese Tage!

Wie unvergeßlich schön, als Deutscher zu gelten, was in Belgien, Holland oder Frankreich doch nie schön gewesen war. Sogar mein Zeitungshändler betrachtete mich, als ich die Wochenzeitung kaufte, zärtlich, als gehörte ich, der polnische Jude, auf einmal einem deutschen Volke an, das Bewunderung verdient, und zum ersten Mal in meinem Leben haftete für mich diesem Gedanken nichts Peinliches an.

Von den Tränen der Freude und der Sympathie, die hier in Frankreich vergossen wurden, als die Mauer fiel, macht man sich in Deutschland keine Vorstellung; aber damals war der Wind der Freiheit, der aus dem deutschen Osten wehte, noch nicht von Goldstaub erstickt. Er gehörte noch keiner vergangenen archäologischen Schicht an, von der künftige Generationen mit mehr Bedauern reden werden, als sie heute von 1848, von 1917, von 1967 reden.

Was wird bleiben? Nichts. Oder doch: Papier, ein paar Romane, Liebesgeschichten, Memoiren und Theaterstücke, die sich um jenen unvergeßlichen Tag im November ranken werden, als die Mauer stürzte und die Herzen offen und die Tränenschleusen nicht geschlossen waren – bevor die Brüder aus dem Westen, die bärenstarken Nato- und Mercedes-Brüder, der homo bundesrepublikansis deutschmarkdeutschmarküberalles, die Sache nach seiner Weise richtete, in 16 000 000 mumifizierte Sparschweinchen eine Mark einwarf und sie alle zum Leben erweckte und ihren Schwanz zum Kringeln brachte.

Der Regisseur Benjamin Korn in "Theater 1990", dem soeben erschienenen Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute.

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