Einer der Männer, dessen Reputation auf dem Spiel stand, war Lord Denning. Paddy Hill begann einen Hungerstreik. Die Lage schien aussichtslos. Die sechs Gefangenen hatten ein Geständnis abgegeben, und damit war der Fall erledigt. Warum hatten sie gestanden? Hills Mithäftling Billie Power schildert ein Verhör durch Detective Sergeant Alan Watson und Detective Constable Michael French in der Polizeistation von Morecambe:

"Zweimal kam ein dritter Kriminalbeamter in den Raum und schlug mich im Vorbeigehen seitlich auf den Kopf. Beim zweiten Mal sagte er: ‚Schickt ihn zu uns rüber.‘ Dann ging er wieder hinaus. F. bemerkte: ‚Verglichen mit ihm sind wir die reinsten Engel.‘ Die beiden erklärten mir, vor meinem Haus daheim hätte sich ein Mob versammelt. Der wolle meine Frau und Kinder zu fassen bekommen. Jetzt sei ein Polizeiaufgebot vor Ort, sie zu beschützen. Wenn ich nicht bald ein Geständnis ablegte, würden sie das Aufgebot abziehen lassen. Ich sagte: ‚Das könnt ihr nicht tun!‘ Dann aber kam der andere Beamte wieder dazu und sagte: ‚Bleibt wohl nichts anderes übrig.‘ Er packte mich bei meinen Haaren und zog mich in ein anderes Zimmer.

In dem Zimmer waren vier Mann. Es war dunkel, nur eine Tür stand einen Spalt offen. Ich wurde in den Raum geschubst und von allen vieren mit Fäusten und Fußtritten bearbeitet. Ich knickte zusammen und fiel zu Boden. Sie zerrten mich an den Haaren in die Höhe und begannen von neuem. Wieder und wieder rutschte ich, an eine Wand gelehnt, zu Boden. Jedesmal zerrten sie mich wieder hoch. Dann rief einer: ‚Das ist genug.‘ Ich mußte mich mit den Händen gegen die Wand stellen. Einer rief, ‚okay‘, und ein anderer schrie: ‚Streck ihm die Eier, streck ihm die Eier!‘ und er schrie mir ins Ohr: ‚Mit dem Kindermachen ist’s von jetzt an vorbei – verstehst du mich?‘ Einer packte meine Hose, und ich rief, ‚okay, okay‘, ich hielt es nicht mehr aus. Sie schleiften mich bei der Gurgel zurück ins Verhörzimmer. Noch länger, und sie hätten mich tragen müssen. Sie hatten die Gedärme aus mir herausgeprügelt. Meine Hose war voll Kot."

In schrecklicher Angst und kaum mehr wahrnehmungsfähig unterschrieb er von den Polizisten aufgesetzte Geständnisse. So die eine Version.

Wer dieser Version in den siebziger Jahren – den Jahren der irischen Hexenjagd – Glauben schenkte, galt als IRA-Sympathisant, als Propagandist einer terroristischen Vereinigung. Zwischen dem 29. August 1973 und dem 21. November 1974 detonierten in den West Midlands – der Gegend um Birmingham – 58 IRA-Bomben. Die damalige Labour-Regierung peitschte radikale Anti-Terror-Gesetze durchs Unterhaus. Die schamlosen Massenblätter aus der Fleet Street übertrafen sich gegenseitig in der Erfindung aufrührerischer Balkenüberschriften. Weder amnesty international noch das National Council for Civil Liberties, der britische Bürgerrechtsrat, wagte, das heiße Eisen anzufassen. Nacht- und Nebelaktionen der Polizei gegen irische Gastarbeiterfamilien gehörten zum englischen Alltag. "Viele meiner Landsleute", erinnert sich die irische Ordensschwester Sarah Clarke, "wagten damals kaum, ihren Mund aufzumachen. Sie wollten sich nicht durch ihren Dialekt verraten..."

Heute gehört es fast zum guten Ton, das Schicksal der Birmingham Six zu bejammern. Die konservative Times schrieb jüngst: "Auch Polizisten, selbst höhergestellte Beamte, lügen manchmal. Und die Wahrheit macht nicht vor einem Iren im Arbeitskittel halt. Es scheint, als habe die Statue der Justitia über dem Old Bailey in London mit ihrer Augenbinde als Symbol für die Unparteilichkeit der englischen Gerichte den sechs von Birmingham schlecht gedient." Innenminister Waddington verwies das Verfahren zur erneuten Überprüfung an den Appellationsgerichtshof. Eine polizeiinterne Untersuchungskommission fand in der Dokumentation der ursprünglichen Ermittlungen Fälschungen. Fast täglich warten nun Zeitungen und Fernsehprogramme mit neuen Enthüllungen zum Thema Birmingham Six auf. Jeder Schmock gibt sich den Anschein, er habe schon immer auf der Seite der zu Unrecht Verurteilten gestanden. Die Entdeckung grundlegender Defekte des englischen Rechtssystems ist zum intellektuellen Nationalsport avanciert.

Bereits vor einem Jahr hatte der Oberstaatsanwalt die lebenslangen Gefängnisstrafen der "Guildford Four" gekippt. Nach fünfzehn Jahren Haft wurden die vier für Bombenattentate in Guildford und Wollwich eingekerkerten Paul Hill, Gerry Conlon, Paddy Armstrong und Carole Richardson von einem Tag zum anderen entlassen. Wie im Fall der sogenannten Sechserbande von Birmingham erwiesen sich die Polizeiakten als löchrig oder getürkt. Und im Oktober kommt der Fall der Familie Maguire vor das Berufungsgericht.