Von Wolfram Runkel

Jetzt ziehen sie wieder. Von Montag nächster Woche an sitzen sich in New York die verfeindeten K.u.K., Weltmeister Garry Kasparow und sein bislang einziger Herausforderer Anatoli Karpow, am Tisch gegenüber, um sich gegenseitig niederzubrüten. Brett frei zum 5. WM-Match zwischen den beiden besten Schachspielern der Welt.

Der 27jährige Kasparow gilt als leichter Favorit, vor allem wegen des Altersunterschiedes der beiden Widersacher. Bei einem mehrmonatigen Schachwettkampf zählen jugendliche Frische und Energie mehr als zwölf Jahre Entwicklungsvorsprung, über die der 39jährige Karpow verfügt. Die Bilanz der bisherigen 120 Partien weist freilich nur einen minimalen Vorsprung des amtierenden Weltmeisters aus. Er gewann siebzehn, Karpow sechzehn Partien: 87 endeten remis.

Für das neue Match mußte sich Karpow wie ein Neuling in einer "Ochsentour" durch mehrere Qualifikationskämpfe arbeiten. Zuletzt bezwang er im "Kandidatenfinale" den vorher hochgelobten, letztlich aber enttäuschenden Holländer Jan Timman deutlich. Kasparow, der gerne Karpows Erfolge schmälert: "Timman wurde nicht durch Karpow exekutiert, sondern er hat Selbstmord begangen." Inzwischen hat Karpow als brillanter Sieger beim Großmeisterturnier im schweizerischen Biel seine gute Form bestätigt, er fühlt sich für den Wettkampf gegen den verhaßten Dauerpartner gut gewappnet.

Kasparow, der "Muhammed Ali" des Schach, der noch vor kurzem (als "einzigen Anreiz" für dieses neuerliche Marathonsitzen) Karpows Deklassierung prophezeit hatte, gibt sich neuerdings mit einem "einfachen Sieg" zufrieden. Woher diese plötzliche Bescheidenheit des Titelverteidigers, der sich bis zum vergangenen Wochenende in einer Villa auf der Massachusetts-Insel Martha’s Vineyard vorbereitete? Freunde und Verwandte machen sich sogar Sorgen um die Titelverteidigung. Tatsächlich hat sich Kasparow, nach eigener Einschätzung ein "Schachgenie", zu einem Tausendsassa entwickelt, der womöglich auf zu vielen Hochzeiten tanzt. Der frischgebackene Ehemann steckt nicht nur etliche Energien in die Internationale Großmeister-Union, deren Wortführer er ist, Kasparow leitet auch eine Schach-Nachwuchs-Schule in Spanien, fungiert als Chef des sowjetischen Großmeisterverbandes und engagiert sich vor allem politisch.

Nachdem Karpow noch vor wenigen Jahren eher als Breschnjew-Freund, Kasparow eher als Gorbatschow-Fan galt, ist Karpow heute "in weiten Bereichen Gorbatschow-Anhänger", während Kasparow sich zum Gorbatschow-Gegner entwickelt hat. Seit den Unruhen in Baku, aus dem Kasparow am 18. Februar diesen Jahres zusammen mit 48 Verwandten in letzter Minute fliehen konnte, hält er Gorbatschow für einen zu zögerlichen Reformer, der die Ereignisse in Baku mitverschuldet habe und der, wie er nach einem einstündigen Gespräch mit Gorbatschow herausgefunden zu haben glaubt, "eine der letzten Bastionen des Kommunismus ist". Um die Demokratisierung im Lande zu beschleunigen, hat sich Kasparow als Mitbegründer einer Partei, einem Zusammenschluß aus mehreren demokratischen Bewegungen, zu Wort gemeldet. Gerade als "Berühmtheit" fühle er sich verpflichtet, auch politisch mitzureden. Bei alledem vernachlässigt er nach Ansicht einiger Freunde allerdings seine Wettkampf-Vorbereitung, gilt es doch, gerade in einem Match gegen Karpow, mit neuen Varianten bei den Eröffnungszügen zu überraschen.

Das Auffinden solcher Neuerungen ist das Hauptfach bei den großmeisterlichen Hausaufgaben. Da sitzt beispielsweise Kasparow mit seinem Sekundantenteam (diesmal sind es die hochkarätigen sowjetischen Großmeister Asmajparaschwili, Dolmatow und Schakarow) am Brett und probiert etwa im 12. Zug einer Variante der Sizilianischen Verteidigung einen neuen, bisher nie gespielten, auf den ersten Blick sogar absurden Zug aus. Dieser Zug wird nun in unendlichen Abwicklungen auf Herz und Nieren geprüft und dann entweder verworfen oder ins Repertoire aufgenommen.

Kasparow wird ihn dann, falls sich am Turnierbrett die Gelegenheit bietet, spielen – und zwar auch dann, wenn diese "Neuerung" objektiv schlechter ist als andere, bekannte Züge in dieser Situation. Der Vorteil der Neuerung ist vor allem, daß sie den Gegner überrascht, ihn zu längerem Nachdenken zwingt und ihn so wertvolle Bedenkzeit kostet. Der "Neuerer", der ja die durchanalysierten Varianten locker und schnell runterspulen kann, treibt seinen verunsicherten Gegner in Zeitnot, in der dieser dann die entscheidenden Fehler machen soll. Auf diese Weise rettete sich Kasparow schon einmal, zuletzt 1987 in der Schluß-Partie der Weltmeisterschaft in Sevilla. Damals gewann er gegen Karpow.