In großen Lettern stand es auf der Titelseite von La Repubblica: "Senza Moravia". "Kein Moravia mehr" – das ist eine Tonlage, die man anschlägt, wenn zu befürchten steht, daß es etwas zum Leben Wesentliches nie wieder geben wird. Geprägt von Pathos und großen Gesten war auch die öffentliche Aufbahrung auf dem Kapitol mit dem Verneigen des (christdemokratischen) Staatsoberhaupts vor dem Sarge des (atheistischen) Schriftstellers. Der Leichenzug wies alle Merkmale eines Staatsbegräbnisses auf und fand unter Teilnahme politischer Prominenz und berühmter Künstlerkollegen wie Umberto Eco statt.

Alberto Moravia ist tot. In den öffentlichen Ehrungen bestand Übereinstimmung darüber, daß er der wohl prominenteste und – mit rund elf Millionen in Italien und im Ausland verkauften Exemplaren seiner Bücher – auch der finanziell erfolgreichste Autor der italienischen Nachkriegsliteratur gewesen ist. Die Anerkennung seiner Bedeutung verdrängte aber nicht die zur vollen Würdigung einer großen Persönlichkeit gleichfalls nötigen kritischen Anmerkungen und Kommentare – zumal angesichts eines derart fruchtbaren und vielseitigen Autorendaseins. Das Publikum, so scheinen das einige der Medien in Italien zu sehen, hat gerade anläßlich des Todes ein Recht auf die ganze Wahrheit.

Zitate und Proben für schwankende Urteile finden sich selbst bei der linken Kritik. Edoardo Sanguineti, kommunistischer Lyriker der Gruppe 63, wird von La Stampa mit einer negativen Bewertung des Vielschreibers Moravia aus den sechziger Jahren und einer jüngeren Eloge auf den Chronisten des Subproletariats zitiert. Einem anderen Blatt war die Information zu entnehmen, daß der Verlag Alpes, der "Gli Indifferenti" (Die Gleichgültigen), den Erstling des Zweiundzwanzigjährigen, herausbrachte, einen Bruder Mussolinis als stillen Teilhaber hatte.

Man muß mit den stilistischen Finessen italienischer Autoren allerdings gut vertraut sein, um die verborgene Kritik in einigen Nachrufen zu entdecken. Daß Umberto Eco in seinem Repubblica-Kommentar auch einige unreife, infantile Züge an Moravia mit scheinbar positiven Formulierungen belegt ("Bis zu seinem Ende war Moravia ein Großer Junge, der sich wie ein Zwanzigjähriger freute – und auch übelnahm: jenes Zwanzigjährigsein, um das ihn seine Krankheit gebracht hatte"). Das Leben, die Bücher, die Frauen: Das war (in dieser Reihenfolge) Moravias Werteskala.

Alberto Moravia, 1907 geboren, Sohn eines aus Mähren (Morava) eingewanderten Architekten namens Pincherle, erkrankte mit neun Jahren an Knochen-Tuberkulose und behielt zeitlebens ein Hinken bei. Die lange Krankheit hat man häufig für seine enorme Schaffenskraft als Erklärung herangezogen: Moravia hat siebzehn Romane geschrieben, die in insgesamt 37 Sprachen übersetzt wurden – der Roman "Die Römerin" allein in dreißig Sprachen. "Die Gleichgültigen" wurden in Italien 700 000 mal verkauft. Außerdem umfaßt das Werk zwölf Bände Erzählungen, sechs Theaterstücke, zahlreiche Reisebücher, Essays und zahllose Kritiken – vor allem über jenes Medium, das Moravia am meisten liebte: den Film (er schrieb im Espresso seit Jahren eine Kinokolumne).

Viele seiner realistischen, in der Gegenwart spielenden Romane und Erzählungen wurden verfilmt. Innerhalb der Filmwelt haben sich wohl auch einige der zahlreichen Romanzen Moravias abgespielt. Verheiratet oder fest liiert war er mit drei schreibenden Frauen: mit Elsa Morante (die von einigen Kritikern als Schriftstellerin höher bewertet wird als er); mit der Feministin Dacia Maraini, die unter anderem als Drehbuchautorin Erfolg hatte; schließlich mit der fast vierzig Jahre jüngeren Spanierin Carmen Llera, die er 1986 als fast Achtzigjähriger heiratete.

Moravia galt seit den fünfziger Jahren als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis, und er war mit seinen Werken, in denen sexuelle Praktiken und Probleme besonders freizügig geschildert werden, schon 1952 auf den kirchlichen "index librorum prohibitorum" gelangt – was dem Absatz dieser Bücher nicht unbedingt geschadet hat. Im selben Jahr verweigerte das US-Außenministerium dem Linkssympathisanten, der freilich nie Mitglied des PCI wurde, das Visum für eine Reise in die Vereinigten Staaten – auch das ein das Interesse liberaler Kreise in Europa befeuerndes Werbegeschenk für den Autor.

Sein Tod wenige Tage vor der Präsentation einer Moravia-Biographie auf der Frankfurter Buchmesse, wenige Wochen vor seinem 83. Geburtstag, hinterläßt eine Lücke nicht nur in Italiens Literaturwelt. Alberto Moravia war ein politischer Kopf, ein erotischer Connaisseur und ein besessener Erzähler. Bernhard Wittek