Augsburg

Schon die Wortwahl verrät alles: Katastrophe, Selbstvernichtung, politischer Flurschaden, Revanchismus. Mit solchen und anderen Schlagworten beschreiben Augsburgs führende SPD-Politiker das Innenleben ihrer Partei. Die gerade von der Sozialdemokratie so oft hervorgehobene Solidarität kommt nur noch in Appellen zu eben dieser vor. Auch sieben Monate nach der Kommunalwahl hat die SPD in Bayerns drittgrößter Stadt ihre herbe Wahlschlappe nicht verdaut. Die Partei zieht jetzt sogar gegen ihre damals verantwortlichen Funktionäre vor Gericht: In einem bundesweit wohl einmaligen Fall sollen Parteimanager für Wahlkampfkostenüberschreitungen von mehr als einer halben Million Mark regreßpflichtig gemacht werden.

Dem Wahltag im März vorausgegangen war eine von vielen bunten Plakaten und starken Sprüchen getragene Kampagne. Doch die nach neuen Wählerschichten schielende jung-dynamische SPD-Riege hatte mit ihrem yuppiehaften Wahlkampf am Geschmack der Augsburger offenbar völlig vorbeigezielt und sich mit ihrem OB-Kandidaten Arthur Fergg, 55, eine verheerende Niederlage eingehandelt. Fergg sollte das politische Erbe des in 18 Jahren beinahe zum Denkmal gewordenen Oberbürgermeisters Hans Breuer antreten, der sich mit 59 Jahren zum Rückzug ins Privatleben entschlossen hatte. Doch eine nach Jahren der Spaltung wiedervereinigte und dadurch wiedererstarkte CSU schaffte die Sensation, ihr Kandidat Peter Menacher, 50, wurde auf Anhieb zum Oberbürgermeister gewählt. Ein Vierteljahrhundert lang hatten die Genossen das Rathaus als rote Hochburg im schwarzen Schwaben gehalten. Jetzt war die Partei über Nacht dort, von wo die Landes-SPD seit Jahren wegkommen will: bei dreißig Prozent.

Der politischen folgte für die SPD schon wenige Tage später die finanzielle Pleite. Der Vorsitzende Heinz Münzenrieder trat zurück. Was dann folgte, nennen die Akteure der verschiedenen Lager übereinstimmend "menschlich tief enttäuschend" und der sozialdemokratischen Partei "nicht würdig". Die ehemaligen Wahlmanager, selbst geschockt von Niederlage und Schuldenberg, wollten Schuldzuweisungen ("Pleitemanager") nicht über sich ergehen lassen und verweigerten eine "Wiedergutmachung" in Mark und Pfennig: "Wer Solidarität fordert, muß sich auch solidarisch verhalten", stellte Ex-Wahlkampfleiter Sieghard Schramm klar. Er hatte seinen Platz als Sozialreferent der Stadt räumen müssen und kehrte in den Schuldienst zurück. Der neue Unterbezirkschef Heinrich hatte nach seinem Amtsantritt alle Hände voll zu tun, um die SPD-Zentrale in der Konrad-Adenauer-Allee vor dem Besuch des Gerichtsvollziehers zu bewahren. Mehrere hunderttausend Mark fehlten zur Bezahlung der noch Wochen nach dem Wahltag eingetrudelten Rechnungen. Eine Treuhandgesellschaft stellte später eine Kostenüberschreitung des 1,2-Millionen-Etats um 534 526 Mark fest.

Alle möglichen Geldquellen wurden angezapft, um das Loch zu stopfen: Selbst dem Bundesvorsitzende Hans-Jochen Vogel und Schatzmeister Hans-Ulrich Klose blieb am Ende keine andere Wahl, als 200 000 Mark als Darlehen lockerzumachen. Die 23 SPD-Ortsvereine in der Fuggerstadt stellten ihr Erspartes zur Verfügung: gut 90 000 Mark. Die tief enttäuschte Basis, die für die finanzielle Pleite nicht verantwortlich zeichnete und sie deshalb auch nicht ausbaden wollte, war es schließlich, die per Parteitagsbeschluß die harte Gangart, die Zivilklage, gegenüber den zehn ehemaligen Wahlkämpfern forderte.

Einig ist sich die Ortspartei immerhin in der Einschätzung des politischen Schadens, den sie in den letzten Monaten angerichtet hat: Selbst der neue Schatzmeister Stefan Harant, der die Verhandlungen um einen "Solidarbeitrag" der Wahlkämpfer geführt hatte, sprach tief enttäuscht von einer "Katastrophe". Wie schwer die Augsburger SPD an der Wahlniederlage zu tragen hat, wird aber nicht nur am Geld sichtbar: Der Einfluß der von 27 auf 17 Mitglieder geschrumpften SPD-Fraktion ist im 60köpfigen Rat gleich Null.

Persönliche Enttäuschungen und menschliche Härten säumen den parteiinternen Streit. Noch immer sind zwei der ehemaligen Wahlmanager arbeitslos. Der ehemalige Spitzenkandidat Fergg, wochenlang völlig deprimiert, der sein Amt als dritter Bürgermeister verlor, hat inzwischen ausgerechnet mit CSU-Hilfe als Flughafen-Geschäftsführer wieder Fuß gefaßt. Mit der SPD hat Fergg ("Ich habe genug Zeit, Geld und Nerven geopfert") aber ebenso abgeschlossen wie der bisherige OB Breuer, der sich gleich jegliche Ehrung durch die Partei verbeten hat. Markus Schwer