Von Tom Wicker

SANTIAGO DE CHILE. – Mit einer gewissen, realistischen Wehmut erinnerte sich kürzlich ein intelligenter, junger Beamter der Allende-Regierung an die vergangene Zeit: "Wir kontrollierten weder die Armee, noch die Justiz oder den Kongreß. Vermutlich lehnte die Mehrheit des Volkes uns ab. Aber der Putsch mußte nicht sein."

Unnötig zu erklären, daß er von dem brutalen Militärputsch in Chile sprach, durch den der marxistische Präsident Allende 1973 gestürzt worden und ums Leben gekommen war. Ein Putsch, der meinen Gesprächspartner ins Exil getrieben und das repressive Regime des Generals Augusto Pinochet an die Macht gebracht hatte.

"Allende war ein Illusionist", sagte der Chilene, "kein kommunistischer Diktator." Und er fuhr nachdenklich fort: "Ein zweites Mal würde ich ihn jedoch nicht wählen."

Diese Sinnesänderung meines Gesprächspartners deutet auf einen tiefgreifenden Wandel bei allen poltischen Richtungen im Lande hin, eine Entwicklung, die Chile seit dem Putsch verändert und die unlängst zu der Wahl der Koalitionsregierung von Präsident Patricio Aylwin geführt hat.

Aylwin, ein Christdemokrat, hatte wie viele seinesgleichen den Putsch 1973 begrüßt, allerdings nicht mit der langen anschließenden Diktatur Pinochets gerechnet. Sein Erziehungsminister, ein Sozialdemokrat, war Mitglied der Allende-Regierung und deshalb im Exil. Andres Allamand, der Führer der rechtsgerichteten Partei Renovaciön Nacional, gehörte in der Wahlnacht zu den Prominenten, die dem neuen Präsidenten gratulierten, obwohl er einen konservativeren Kandidaten unterstützt hatte.

Diese Einstellung ist weit entfernt von der Lage vor dem Putsch, als Mitte, Rechts und Links ideologische Todfeinde waren und sich nur selten zu gemeinsamen Positionen zusammenfinden. Damals hieß es überspitzt: Die Linke strebe nach einem sowjetisch-kubanischen Modell, die Rechte nach einem Modell nationaler Sicherheit, und die Mitte wolle ganz einfach allein regieren.