Von Claus Spahn

Festivals brauchen Parolen. Den Programmdramaturgen geben sie die Gewißheit, etwas Sinnvolles geleistet zu haben, und uns das Gefühl, daß all das, was da an Veranstaltungen zusammengetragen wurde, auch wirklich einer höheren Ordnung folgt. In Graz hat man sich in diesem Jahr eine besonders kühne Variante ausgedacht: Der "Steirische Herbst" macht sich "auf, und, davon". Die Festivalmacher denken nicht an Flucht, sondern an Aufbruch: Man will zu einer "Kultur der Mobilität" überleiten "als möglichen dritten Weg jenseits von Avantgarde und Postmoderne". Man träumt von einer Vision des "ganz Anderen", propagiert die "Fortbewegung zu neuen kulturellen Weiden angesichts abgegraster Festspielwiesen", so der Intendant Horst Gerhard Haberl im Programmheft. Und weil die Revolutionäre im benachbarten Osten, die längst unterwegs sind in eine neue Zeit, Löcher der Freiheit in ihre Fahnen geschnitten haben, sind auch in die drei großformatigen Herbstschriften des Festivals daumengroße Löcher gestanzt, mitten durch die klugen Essays, durch Interviews und Programmvorschauen. "Die Löcher sind auch als Synonyme der Kunst für ein ‚Ins-Offene-Stellen‘ zu begreifen", heißt es in einem der Vorworte. Wenn das keine schönen Festivalparolen sind.

Erstaunliche Dinge geschehen in Graz. Die Verkehrsbetriebe der Stadt räumen ein Trambahndepot leer, parken ihre reparaturbedürftigen Fahrzeuge eine Woche lang im Freien und stellen die Halle für Konzerte mit zeitgenössischer Musik zur Verfügung. Peter Oswald, der Organisator des "Musikprotokolls" im Steirischen Herbst, läßt drei riesige Tribünen in die Werkstatt bauen und hat bei jeder Veranstaltung ein nahezu vollbesetztes Haus. Die Polizei – jetzt kommt’s – erweist der Neuen Musik eine Ehre, die sonst nur verstorbenen Staatsmännern oder Trachtenkapellen zuteil wird: Sie sperrt einen Abend lang alle Straßen rund um die Halle ab, damit der Verkehrslärm unsere empfindlichen Ohren nicht belästige. Was will man mehr?

Gute Aufführungen natürlich. An ihnen hat es in den zehn Konzerten in vier Tagen – unter anderem mit dem Radiosinfonieorchester Frankfurt, mit dem ORF-Sinfonieorchester und dem Ensemble Modern – nicht gefehlt. Die vielleicht stärksten Stücke unter den zwölf Uraufführungen: ein Stück für vier Instrumentalgruppen und Frauenstimmen von der Koreanerin Younghi Pagh-Paan und eine Art Cellokonzert von Michael Jarell, einem Schweizer, der bei Klaus Huber in Freiburg studierte und zwei Jahre am IRCAM-Institut in Paris arbeitete. Beide kommen ohne halsbrecherische Kompositionsverfahren aus, entwickeln in erster Linie Musik aus Musik und erreichen dabei einen Ausdruck, der einen nie im unklaren darüber läßt, was gemeint ist. Beide schreiben skrupulös, mit einem ruhigen, detailgenauen Erzählfluß. In Jarells "... chaque jour n’est qu’une reve entre deux nuits chaque nuit n’est qu’une treve entre deux jours ..." wird der Ensemblesatz dem Cello nicht gegenübergestellt, sondern er rankt sich um die Solostimme, greift Motive auf, ergänzt, unterstreicht und entwickelt sie – eine Musik, die suchend, tastend voranschreitet und dabei manchmal in ungebrochene Cantabile-Schönheit verfällt. Younghi Pagh-Paan schöpft wie in ihren meisten Kompositionen ihre Inspirationen aus dem Wort. In "ma-um" sind es alttaoistische und zenbuddhistische Verse oder ein Zweizeiler von Angelus Silesius. Ihre Farben mischt sie aus den extremen Registerlagen von Kontrabaß, tiefen Bläsern und hohen Streichern. Dazwischen liegen die kraftvoll strömenden Melismen einer Altstimme. Jeder Klang in diesem Stück hat Gewicht, ist aufgeladen mit Bedeutung. Younghi Pagh-Paan komponiert langsam, meist nur ein größeres Werk im Jahr – was sie aber schreibt, ist substantiell.

Vor allem im Vergleich zu den meisten anderen Werken, die in Graz uraufgeführt wurden, wie etwa Karlheinz Essls konfuses Orchesterstück "Oh Tiempo Tus Piramides", in dem der Komponist den Flaschengeist Aleatorik freiläßt und ihn nicht mehr bändigen kann, Gerhard Schedls "Melodram", in dem sich zeigt, wie schnell ein Stück für Schlagzeugensemble (und Saxophon) in unverbindliches, wenn auch apartes Geklöppel umkippen kann, oder "Studie – Übermalung" von Beat Furrer: eine zerklüftete Partitur, voll von feinädrigen polyphonen Linien, die in einen an gedehnte Atemzüge erinnernden dynamischen Verlauf eingebettet sind. Der fragmentarische Charakter und die Mikrostrukturen der Klänge könnten an die Musik Luigi Nonos anschließen wollen – deren Größe erreichen sie jedoch nicht einmal annähernd. Dann doch lieber gleich die Meister selbst, die rar, aber kostbar über das Festivalprogramm mit dem bis hin zu peinlichen Lichtorgeleffekten überstrapazierten Thema "Raum und Licht" verteilt waren.

Zum Beispiel Morton Feldmans selten zu hörendes Orchesterstück "Coptic Light": eine 28 Minuten lange karge, schrundige Klanglandschaft, Motive aus nicht mehr als zwei, drei Tönen, breite Bläsercluster, Paukentupfer und Akkorde, die wie Sterne funkeln, wiederholt in starrem Metrum, in immerwährendem Mezzoforte. Zum Beispiel Luigi Nono (dem in diesem Jahr beim Steirischen Herbst ein dreitägiges Symposium gewidmet war): "Caminantes, no hay caminos, hay que caminar" (Wanderer, es gibt keine Wege, es gibt nur das Gehen) von 1987, ein Requiem für den Filmregisseur Andrej Tarkowskij. Ein einziger Ton und seine Vierteltonvarianten, alles ist wie destilliert, aus der Stille steigen die Linien und Klänge auf, bewegen sich meist am Rande der Unhörbarkeit. Jeder Ton in diesem Stück ist wie eine Geburt, jeder Klang eine Offenbarung, jeder Fortissimoausbruch ein Fanal.

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