Von Hans Otto Eglau

Schon vor einigen Wochen, bei einem Gespräch im Bonner Kanzleramt, hatte Helmut Kohl Daimler-Chef Edzard Reuter auf das Thema angesprochen. Für die verwaiste Führung der Bundesbahn, so der Regierungschef, suche er einen gestandenen Manager aus der Privatwirtschaft.

Vor zehn Tagen meldete sich dann der von Bonn umworbene Kandidat bei Reuter zu einem persönlichen Gespräch an. Es war kein anderer als Reuters Vorstandskollege Heinz Dürr, gleichzeitig Chef der Daimler-Tochter AEG. SPD-Mitglied Reuter war während der sozialliberalen Koalition selbst einmal für den Spitzenposten der Bahn in die engere Wahl gezogen worden. Der damalige Finanzchef des Autokonzerns hatte jedoch desinteressiert abgewinkt. Anders jetzt Dürr: Gegenüber dem Konzernchef ließ er keinen Zweifel daran, daß er sich dem Ruf des Kanzlers nicht verschließen werde.

Edzard Reuter kommt das Ausscheiden Dürrs nicht ganz ungelegen. Zwar teilen die durch das freundschaftliche Du miteinander verkehrenden Topmanager manche private Neigungen und Interessen und vor allem eine starke Affinität zu Grundsatzfragen der Wirtschaft. Gleichzeitig jedoch zeigte Reuter eine zunehmende Ungeduld gegenüber Dürr, wenn es um die dringend erwarteten Sanierungserfolge bei der Frankfurter Verlusttochter AEG ging. So ließ der Konzernlenker denn auch vor den eigenen PR-Leuten zu Beginn dieser Woche vorsichtig durchblicken, daß Dürrs Abgang für ihn den willkommenen Anlaß biete, mit einer neuen personellen Besetzung die AEG schneller aus ihren chronischen Verlusten herauszuführen.

Weitaus stärker als Holding-Chef Reuter kultivierten die im traditionellen Automobilgeschäft tätigen Daimler-Manager der zweiten Ebene von Anfang an deutliche Vorbehalte gegenüber dem einstigen Mittelständler Dürr. Wenn sie schon das Geld für die AEG mitverdienen müßten, so ihre Kritik, solle er sich im Daimler-Vorstand wenigstens in Fragen des Autogeschäfts zurückhalten. Ähnlich sehen es die Arbeitnehmervertreter, für die – so einer ihrer Sprecher – "der Automobilbereich nicht die cash cow für die neuen Gebiete" bleiben dürfe.

Auch Edzard Reuter steht unter hohem Erwartungsdruck. Der Architekt des durch die Zukäufe von AEG, Dornier und MBB zu einem Hightech-Imperium von zuletzt 76 Milliarden Mark Jahresumsatz ausgebauten Autokonzerns muß erst noch beweisen, daß sein ehrgeiziges Konzept – allen Unkenrufen zum Trotz – aufgeht. Schon auf der diesjährigen Hauptversammlung schlug dem Daimler-Chef eine früher kaum erlebte Welle der Kritik entgegen.

Um so wichtiger wäre es für Reuter, wenigstens bei der seit fünf Jahren mehrheitlich kontrollierten AEG schwarze Zahlen vorweisen zu können. Doch davon ist der 1982 in Vergleich geratene, einst zweitgrößte deutsche Elektrokonzern (nach Siemens) nach wie vor weit entfernt. Vor allem die in der AEG Olympia konzentrierte Sparte Büro- und Informationssysteme, seit Jahren ein Verlustbringer, gilt als kaum noch lösbarer Sanierungsfall. Schwachpunkte sind überdies die beiden Bereiche Energie- und Automatisierungstechnik.