Massive Versorgungsprobleme erschweren die Wirtschaftsreformen

Von Maria Huber

Am "Tag der sowjetischen Verfassung" widmete sich Moskaus Zweiter Bürgermeister der Kartoffelernte: Am 6. Oktober zeigte das zentrale Nachrichtenprogramm Sergej Stankiewitsch mit Strickmütze und Gummistiefeln auf den durchweichten Äckern vor der Stadt. Dem weltgewandten Amerika-Fachmann und Jungstar der Reformer im Rathaus weht ein scharfer Wind ins Gesicht – und das nicht nur an dem naßkalten Samstag.

Die konservativen Kommunisten hatten in ihrer Kampagne gegen die radikaldemokratischen Stadtväter acht Tage zuvor zwei kontrastreiche Bilder von diesem "heißen Herbst" auf die erste Seite des Parteiblattes Moskowskaja Prawda gerückt: ein Photo von der Massendemonstration gegen die Regierung, zu der die Moskauer Bürgermeister aufgerufen hatten – und daneben eine Aufnahme von menschenleeren Äckern zur Erntezeit. Tags darauf zeigte das Blatt fleißiges Funktionärsvolk auf den Feldern, angeführt vom Ersten Sekretär Jurij Prokowjew. Obendrein rühmte das Parteiorgan die 11 000 Soldaten, die rund um Moskau in den Kartoffelfurchen ihren Dienst fürs Vaterland versahen.

Der Winter wird hart

Für den Winter sei jetzt leidlich gesorgt, wehrte der schmächtige Bürgermeister Stankiewitsch nun die bange Frage des Fernsehreporters ab und wischte sich tatkräftig die erdverschmierten Hände. Hart werde es aber trotzdem. In der Tat: Nur zwei Drittel aller dringend notwendigen Lebensmittel hat sich die Hauptstadt bislang sichern können. Seit dem 1. Oktober kaufen die Menschen ihre täglichen Bedarfsgüter gegen die Vorlage eines neuen Sonderausweises ein, der sie als Bewohner der Metropole oder des Moskauer Gebietes kennzeichnet. Für die zwei erforderlichen Paßbilder standen sie bereits im August stundenlang beim Photographen Schlange – die meisten während der Arbeitszeit.

Für Zucker und Zigaretten, die akut knapp sind, benötigen die Käufer noch zusätzlich Bezugsscheine. Acht Päckchen Zigaretten im Monat können sie mit den neuen Tabak-Talons zum Preis von zwanzig bis achtzig Kopeken erwerben. Starke Raucher müssen für ihren Mehrbedarf den "Marktpreis" von drei Rubel aufbringen. Im September, als die Tabak-Talons noch nicht gedruckt waren, hatten die Hausverwaltungen in den Treppenfluren die Mitteilung ausgehängt: "Geehrte Hausbewohner! Mit den Zucker-Scheinen für den Monat Dezember können Sie im September Tabak-Waren kaufen..." Wer die weiter gültige Dezember-Marke nicht in Zigaretten umgesetzt hat, kann statt dessen auch ein Päckchen Neujahrs-Bonbons erhalten – nur Zucker wird er dafür höchstwahrscheinlich auch im Dezember nicht bekommen.