Wie schön, Europa wächst und hat jetzt auch eine europaeigene Geschichtsschreibung. In einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse stellte der Bertelsmann Lexikon Verlag "Europa – Eine Geschichte seiner Völker" (440 Seiten, 78 Mark) vor, das als "einzigartiges Geschichtswerk" gleichzeitig in acht europäischen Verlagshäusern erschien. Der Bankier Delouche war der Inspirator, der Pariser Historiker Jean-Baptiste Duroselle führte die Idee aus.

Man habe, erläuterte Bertelsmann-Lexikon-Chef Hadding auf der Pressekonferenz, den "richtigen gemeinsamen Nenner" zu finden gehabt, das sei vielleicht die Hauptaufgabe gewesen, die bei der Entwicklung und Entstehung dieses Werkes geleistet werden mußte. Für diese Findung des richtigen gemeinsamen Nenners gab er ein Beispiel, wörtlich dies: "Wenn es um das Kapitel des Ersten und Zweiten Weltkrieges in diesem Bande geht und um die furchtbaren Folgen, die diese von Deutschland ausgehenden Kriege – beim Zweiten war es ja ohne Zweifel so der Fall – ins Auge faßt, dann wäre es ja sehr verständlich gewesen, daß durch eine entsprechende Überschrift dieses Desaster, das von Deutschland ausging, auch so benannt worden wäre."

Ja, das wäre tatsächlich nicht ganz unverständlich gewesen, wenn man das Desaster, diesen Unstern, dieses Mißgeschick, das von Deutschland sicherlich mit dem Zweiten, ja vielleicht auch noch mit dem Ersten Weltkrieg ausging, wenn man das auch so benannt hätte. Aber tut man das unter Freunden? Der Bertelsmann-Lexikon-Chef erleichtert: "Die Überschrift, die Professor Derouselle in Abstimmung mit den anderen Historikern für dieses Kapitel gefunden hat, lautete: ‚Europa zerstört sich selbst‘." An dieser "Nuance" könne man, meinte Hadding völlig zu Recht, sehen, "wie hier gearbeitet" wurde. Nämlich, so sprach er weiter, "nicht zur Verschleierung", sondern, um "zu einer ausgewogenen Sicht" zu kommen.

Zu dieser Ausgewogenheits- und Abstimmungsgeschichtsschreibung trug von deutscher Seite der kürzlich verstorbene Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann bei. Ein Mann, der in diesem Fall Partei ist. Erdmann hatte sich einen gewissen Namen gemacht durch die eigenwillige Herausgabe der Tagebücher von Kurt Riezler, der als enger Mitarbeiter von Bethmann Hollweg 1914 Zeitzeuge im Reichskanzleramt war. Erdmann wollte mit den Riezler-Tagebüchern den Historiker Fritz Fischer widerlegen und behauptete, daß diese Tagebücher "unbequem" seien "für eine bestimmte These, nämlich, daß der Krieg von Deutschland willkürlich vorbereitet und entfesselt worden sei". Damit die Riezler-Tagebücher zu dieser Ansicht Erdmanns paßten, mußte der den Originalzustand einiger später – von wem auch immer – bearbeiteter Seiten so gründlich übersehen, daß er selbst sich schließlich zu der Versicherung genötigt sah: "Ich bin kein Fälscher." Tatsächlich belegten die Original-Tagebücher, bevor sie von Erdmann herausgegeben wurden, nach Aussagen von Zeugen, die sie gesehen hatten, daß Reichskanzler Bethmann Hollweg im Juli 1914 kriegswillig war und nichts unternahm, um den Krieg zu verhindern.

Doch in dieser von Duroselle geschriebenen und von Erdmann beratenen Europa-Geschichte ist keiner am Ersten Weltkrieg schuld außer Satan persönlich, denn Europa befand sich damals "Im Teufelskreis" – so eine Zwischenüberschrift. "Keiner konnte sich dem Teufelskreis entziehen", hatte schon 1982 der enragierte Fischer-Gegner Egmont Zechlin in der FAZ verbreitet. Und so sollen wir auch heute noch – obwohl die historische Forschung längst Fischers Thesen in ihrer Grundaussage akzeptiert hat – mit der Bertelsmann-Europa-Geschichte daran glauben, "daß ein teuflischer Mechanismus, den die damaligen Staatsmänner nicht in den Griff bekamen, den Krieg herbeigeführt hat". Ja, möglicherweise ist auch noch Satan exkulpiert, denn es war nichts anderes als "der unerbittliche Lauf der Dinge", der die Staaten "dazu zwang, die für den ‚Fall der Fälle‘ vorgesehenen Maßnahmen zu ergreifen" – der Himmel hat den Ersten Weltkrieg über uns verhängt.

Das Buch verdankt, so schrieb Erdmann in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe, seine Entstehung "einer politischen Wertentscheidung, in der der Wissenschaftler Duroselle und der [...] Geschäftsmann Frederic Delouche einander begegneten". Wie die aussehen könnte, verkündete der mäzenatische Bankier in der Pressekonferenz. Er hoffe, daß Kanzler Kohl nach seiner Wiedervereinigung Deutschlands jetzt erfolgreich Europa einigen werde. Gott schütze Europa. Otto Köhler