Von Stefan Wollnick

Sonntag nachmittags, beim "Öffentlichen Training" für den "Catch-Welt-Cup ’90" ist freier Eintritt für Kinder und ihre Eltern. Knapp tausend sind gekommen, als die Muskelmänner in ihren Phantasiekostümen zur "Parade" in den Ring marschieren. Vorbei an Kleinkindern, Kindergartenkindern, Schulkindern, vorbei an Familien, die gleich in drei Generationen angerückt sind: von der Großmutter bis zum Baby im Strampelanzug.

"Auch die Kleinen", findet der Vater des achtjährigen Gordon, "müssen sich später im Leben durchsetzen, am Anfang gegen den Lehrer. Sie müssen lernen, mit beiden Seiten fertigzuwerden – mit der guten und der bösen."

In der ersten Reihe setzt sich eine junge Mutter das Töchterchen auf dem Schoß zurecht, der Schnuller fällt auf den hölzernen Fußboden. Da ruft der Ringsprecher schon den ersten "von der ganz bösen Sorte" zum Trainingskampf auf: "Sal Bellomo, der sizilianische Wirbelwind!" Breitbeinig stapft der dunkelhaarige Catcher im schwarzen Legionärsgewand ins Rampenlicht. Dann nimmt er seinen Gladiatorenhelm ab, schüttelt stolz seine struppige Lockenmähne und stößt mit allen Kräften seines 112-Kilo-Leibes Urlaute hervor. "Buuuhaa! Uaaahuu!" – "Buuuuuh", kommt es im Echo von den Kindern zurück. Zusammen mit den Erwachsenen brüllen sie dem Italiener zu: "Spaghetti raus, Spaghetti raus!" – Mit "Owen, Owen"-Rufen wird der kanadische Mittelgewichtsathlet von jung und alt gleichermaßen stürmisch begrüßt. Doch sofort fällt der "Spaghettifresser" wütend über den Publikumsliebling her. "Mach ihn fertig!" – "In die Fresse!" – "Hau rein!" Anfeuerungsrufe von allen vier Seiten der Arena, als Owen Hart seinen Gegenangriff fortführt. Mit einem lauten Krachen wirft er seinen Widersacher auf die Bretter, um ihn schließlich kopfüber ganz aus dem Ring herauszukatapultieren. Beifall für die Sieger. Hämische Sprechchöre für den Verlierer: "Oh la la, willst du eine Pizza? Oh la la, Pizza wunderbar!"

Aus Südafrika kommt der Söldner Colonel Brody. Von dem Mann im grünen Tarnanzug heißt es, er habe das Kämpfen und Überleben im harten Dschungelkampf gelernt. "Das einzige, was unser Colonel nicht gern hat", endet die Lautsprecheransage, "ist, ‚Eierkopp‘ genannt zu werden." Promp erklingen die ersten silberhellen Stimmchen: "Eierkopp, Eierkopp!"

In den Ring gewalzt kommt auch Cannonball Grizzly. Mit 390 Lebendpfunden wird der US-Catcher von den Kindern angebrüllt: "Fettbomber", "Bettnässer", "Big Mac!" Den Zigeuner Kato Gipsy, Markenzeichen: Kopftuch und Peitsche, empfängt die Arena mit "Pfui"-Rufen. Als er sich mit seiner meterlangen Lederknute selbst zu Fall bringt, lehrt eine Mutter ihre beiden Söhne im Vorschulalter: Das "Zigeunerpack" tauge eben zu nichts, sei "nur im Klauen groß". "Zigeuner raus, Zigeuner raus!" stimmen die Brüder wenig später lautstark mit den anderen Jungen und Mädchen überein.

Keine Chance auf ihre Gunst hat auch Mister "Fit" Finley, der als "rabiater Ringfuchs" vorgestellt wird. "Feigling, Feigling!" höhnt ein kompletter Kinderchor. Worauf der Ringsprecher den Kommentar des Iren übersetzt: "Er sei kein Feigling, denn er sei ja schließlich kein Deutscher." Noch bevor der Sturm der Entrüstung alle Reihen erfaßt hat, verpaßt der Gegner dem Iren eine schallende Ohrfeige. Die Ehre der Nation ist gerettet. Eigentlich ist es ja immer dasselbe: Die Guten müssen sich von den Bösen am Anfang einiges gefallen lassen, sehen früh schon wie die sicheren Verlierer aus und sind am Ende doch die strahlenden Sieger.