Ist die Position Berlins wirtschaftlich zu halten oder muß dieser Vorposten der freien Welt als unrentabel abgeschrieben werden? Diese Frage läßt die einflußreiche, den Republikanern nahestehende New York Herald Tribüne in der Ausgabe vom 30. September von ihrem Berliner Korrespondenten untersuchen. Der Korrespondent kommt dabei zu dem Ergebnis, daß "die kranke Stadt sich von Woche zu Woche mehr dem äußersten ökonomischen Zusammenbruch nähert", eine "grimmige und hoffnungslose Lage", an der niemand etwas ändern könne, solange Berlin nicht wieder Hauptstadt des ungeteilten Deutschland sei. 297 000 Arbeitslose im August, 30 v.H. der arbeitenden Bevölkerung, seien die Folge der Abschnürung vom Osten und des Verlustes der Einnahmen, die Berlin früher aus seiner Funktion als Hauptstadt und als Sitz der Zentralbehörden, Banken und Versicherungsgesellschaften gehabt habe. Selbst leitende Berliner Beamte hätten vertraulich zugegeben, daß die Wirtschaft Berlins diese Lücke nie würde ausfüllen können. Es sei auch nur vernünftig, daß sich die Unternehmer dem politischen Risiko Berlins entzögen...

Dieser alarmierende Bericht ist – das sei aus guter Kenntnis der Dinge versichert – falsch. Zwar kann jeder, der durch die Straßen Berlins wandert, am Zustand der Häuser und an der Kleidung der Bewohner den weiten Abstand von dem relativen Wohlstand in der Bundesrepublik ablesen. Aber die Blockade, die Berlin schwerste Schäden zugefügt hat, isterst ein Jahr vorüber. Erst seit Februar 1950, also seit einem halben Jahre, bekommt Berlin ERP-Kredite zur Kapitalbildung und Schaffung neuer Arbeitsplätze in der durch rücksichtslose Demontagen verarmten Stadt. Die industrielle Produktion ist von 95 Millionen im Januar 1950 auf 141 Millionen im August gestiegen; die Lieferung nach Westdeutschland von 62 Millionen auf 95 Millionen. Der September brachte einen sensationellen Aufschwung der Produktion um mehr als 20 v.H. auf etwa 175 Millionen! Wenn die Zahl der Beschäftigten trotz dieser Produktionssteigerung von 690 000 Arbeitnehmern im Januar 1950 nur auf 880 000 im August stieg, ist dies ein Beweis für die fortschreitende Rationalisierung der Industrie. Daß trotz des Zuwachses der Beschäftigten die Arbeitslosigkeit nicht abnahm, liegt an dem anhaltenden Zugang aus der russischen Zone.

Die Entwicklung gleicht also durchaus der in der Bundesrepublik. Sie leidet an denselben Hemmungen. Wir im Bundesgebiet sind damit fertig geworden. Es wird in Berlin genau so gelingen, und zwar mit Hilfe der sonst gar nicht erfreulichen Korea-Weltkonjunktur sogar noch schneller als in der Bundesrepublik, wenn man sich nur daran gewöhnt, als Stichtag für die wirtschaftliche Wende nicht wie im Westen die Währungsreform, sondern das Frühjahr 1950 anzusehen. Die deutsche Industrieausstellung in Berlin ist inzwischen von allen deutschen und ausländischen Besuchern als Beweis der Lebenskraft Berlins anerkannt worden.

Wie aber können gerade Amerikaner, die Berlin und seinen Kampf für die Demokratie mit so warmen Herzen unterstützt haben, zu einem so vernichtenden Urteil kommen, wie es in der New York Herald Tribune ausgesprochen wurde?

Mit der früheren isolationistischen Haltung eines Teils der amerikanischen Republikaner ist es jedenfalls nicht allein zu erklären. Die Berliner – nicht der Mann auf der Straße, sondern seine politische Führung – sind daran nicht ohne Schuld. Es überrascht, daß sich der Bericht ausdrücklich auf vertrauliche Äußerungen offizieller Berliner Stellen stützt. Man erinnert sich sodann daran, daß immer wieder amerikanische und englische Besucher auf der Rückreise von Berlin darüber klagen, daß die Bundesrepublik so wenig für Berlin tue, ganz offenbar gestützt auf Informationen der Berliner Verwaltung, die angesichts der großen Leistung der Bundesrepublik für Berlin ganz unbegründet sind. Diese Methode mag innenpolitisch für das sozialistisch regierte Berlin gegenüber dem nicht sozialistisch regierten Bund ganz nützlich sein. Die hart arbeitende Bevölkerung Berlins hat aber keinen Vorteil davon, daß man sich bei ausländischen Besuchern, deren Vertrauen für eine gesunde Entwicklung Berlins so wichtig ist, über die Bundesregierung beklagt. Auch die Haltung des Oberbürgermeisters Reuter gelegentlich seiner Reden bei der Industrieausstellung war nicht gerade geeignet, ein beiderseitiges Vertrauensverhältnis herzustellen und nach außen zu beweisen.

Trotzdem darf im Westen keine törichte Verärgerung entstehen. Wir brauchen das Industriepotential Berlins. In wenigen Monaten wird die westliche Welt, die bis dahin ihr Produktionspotential voll ausgelastet haben wird, froh sein, in Berlin freie Kapazitäten zu entdecken. Aber auch unabhängig davon sollte man jetzt schon ermitteln, welche ungenutzten Kapazitäten in Berlin noch vorhanden sind, die durch Aufträge aus Westdeutschland ausgefüllt werden können.

Die Gelegenheit war nie so günstig. Die westdeutsche Industrie jedenfalls ist begeistert über die Leistung ihrer Berliner Kollegen auf der Industrieausstellung. Professor Erhard ist so angetan von Berlin und den Berlinern, daß er am liebsten seine Dienststelle – oder gar die Bundesregierung? – nach Berlin verlegen möchte.

Gerd Bucerius