Die Sekretärin im Reisebüro war stolz: Sie hatte es geschafft, nicht nur einen Flug nach Berlin, sondern auch ein Hotelzimmer im bis Ende des Jahres so gut wie ausgebuchten Berlin zu ergattern. Frau K. wünschte gute Reise.

Der Berliner Taxifahrer bleibt gelassen. Während sich links von ihm die Autos stauen, fährt er auf der Bus- und Taxispur zügig Richtung Hotel – was dem Fahrgast ein Gefühl von Luxus vermittelt. Vor dem Hotel ist es damit vorbei. Zwischen Spielsalons und Billig-Boutiquen geht es durch eine von Discoklängen erfüllte Passage zum Eingang. Abends, überlegt der Gast, würde er nur ungern allein durch diese Passage gehen. Doch noch ist früher Nachmittag. Sein Gepäck fest im Griff, drückt er entschlossen auf die Klingel des in einem der oberen Stockwerke gelegenen Hotels und wirft die Haustür schnell hinter sich zu.

Die Rezeption liegt neben einem Fitneß-Studio und wirkt im Vergleich fast luxuriös. Ein Blick aufs Preisschild am Empfang unterstreicht das: Einzelzimmer 160 Mark. Das Zimmer liegt gleich am Anfang eines langen Gangs, der auch Schauplatz eines älteren amerikanischen B-Krimis sein könnte. Es hat eine Diele und ein dunkles Bad, das sich hervorragend eignen würde für die Verschönerungsaktion einer Wohnzeitschrift. Die kühl-sachliche Einrichtung des Zimmers erinnert an die sechziger Jahre, auch der einst helle Teppichboden scheint aus dieser Zeit zu sein und zeigt entsprechende Spuren.

Auf der Ablage neben dem Bett liegen drei verpackte Gummibärchen als Gute-Nacht-Gruß. Das Doppelbett ist nicht die einzige Schlafgelegenheit: Hinter unterschiedlich hohen Schranktüren verbergen sich Schrankbetten. Würden sie alle ausgeklappt, könnten fünf oder sechs Personen bequem im Zimmer übernachten.

Beim Frühstück soll der Alleinreisende nicht allein an einem der freien Tische sitzen. Eine Serviererin in pflegeleichter Kunststoffbluse und blauem Faltenrock komplimentiert ihn zu einem Ehepaar in der Ecke. Dort habe sie schließlich gedeckt, sagt die Serviererin. Der Gast setzt sich folgsam zu dem Paar, das gerade einen Plastikbehälter mit zwanzig Gramm Leberwurst öffnet, greift zur eingeschweißten Marmelade und einem blassen Brötchen, das es jedem leichtmachen dürfte, zum Vollwertkost-Anhänger zu werden: Es schmeckt nach nichts und schneidet sich wie Gummi.

Die Serviererin hat offenbar Langeweile. Sie stützt sich auf die Tischkante und fragt das Ehepaar aus Westdeutschland: "Wie macht ihr das mit den Rentnern? Wie lange dürfen die bei euch arbeiten?" Es folgt eine kurze Unterhaltung über Rentner, Ausländer und den im Hotel gerade freien Nachtportier-Posten. Die aus dem Ostteil der Stadt kommende Serviererin sagt, sie würde lieber einen Rentner als einen Ausländer einstellen. "Die sind wenigstens zuverlässig."

Auf einem anderen Tisch entdeckt der Gast die Reste eines Frühstückseis und bittet die Bedienung, ihm auch ein Ei zu bringen. Gestern habe sie fünf Eier weggeworfen, sagt sie vorwurfsvoll, und heute wolle jeder eins. Nach ein paar Minuten kehrt sie mit Ei zurück: "Ich hoffe, es ist gut – ich kann nämlich nicht kochen." Extra berechnet wird es schließlich nicht: Im Zimmerpreis von 160 Mark ist auch das Frühstücksei enthalten.