Trotz stagnierender Gästezahlen wird in Hongkong derzeit ein Luxushotel nach dem anderen hochgezogen. Im Kampf um die Kundschaft aus aller Welt setzt die Bettenindustrie ganz auf ihren vielgerühmten Service.

Wenn Ralf-Peter Jentes, Direktor des neuen Tophotels "Grand Hyatt", Hongkongs Finanz- und Bankmanager zum täglichen Lunch bittet, ist alles wohlgerichtet: Mit hoteleigenen britischen Taxis läßt er seine Gäste vom Büro abholen und anschließend wieder dorthin fahren, gespeist wird wahlweise chinesische, italienische oder französische Haute Cuisine. Die Gäste wissen solch pflegliche Behandlung zu schätzen: Statt des altehrwürdigen "Mandarin Oriental", traditionell die erste Hoteladresse der internationalen Geldbranche, buchen sie für ihre Geschäftspartner immer häufiger das pompöse Haus der Hyatt-Gruppe.

Noch vor zwei Jahren hätte der gebürtige Freiburger Jentes die 575 Zimmer seiner Herberge auf dem Dach des Convention & Exhibition Centres ohne derlei persönliches Engagement gefüllt. Eine jährliche Traumauslastung von 92 Prozent meldeten damals die Hoteliers der Kronkolonie: Engpässe, zumal bei kurzfristiger Buchung, waren die Regel. Doch inzwischen kommen mehr Hotelbetten ins Angebot als neue Besucher in die Stadt. Während die Zahl der ausbleibenden Touristen nach der Chinakrise nur annähernd durch zusätzliche Gäste aus Taiwan, Japan und Korea kompensiert wird, herrscht – zumindest in der Baubranche – ein Goldgräberklima, als habe die 1997 zurückfallende Enklave ihre große Zeit noch vor sich: 43 Luxus- und First-class-Hotels entstehen allein bis Ende 1992, eine Steigerung der Kapazität um 75 Prozent auf 40 200 Zimmer.

Daß nun ein Konkurrenzkampf ausbricht, der wie Luxus und Servicestandard seinesgleichen sucht, "war", so betont der in Hongkong ansässige Ramada-Präsident Bill Grau, "seit längerem abzusehen". Auf der Festlandseite in Kowloon sorgen zwar Touristen und Geschäftsleute aus der Textilbranche weiter für stattliche Belegungsraten um die achtzig Prozent, auf Hongkong Island dagegen, dem Banken- und Wirtschaftsplatz, sank die durchschnittliche Auslastung in den letzten Monaten bis zu einem Drittel. Gerade hier waren in jüngster Zeit die meisten neuen Hotels entstanden: außer dem "Grand Hyatt" die vis à vis gelegene 864-Betten-Burg "New World Harbour View" und das "Marriott".

So großzügig die Räumlichkeiten des piekfeinen, 27 Stockwerke großen "Mariott" sind und so malerisch der Blick von dort auf den Hafen der Kronkolonie ist – seine vorzügliche Lage am Pacific Place muß das Haus schon bald mit zwei weiteren Edelhotels teilen, die noch in diesem Jahr direkt nebenan eröffnet werden, dem "Conrad", einem Luxusableger der Hilton-Gruppe, und dem nicht weniger feudalen "Island Shangri La". Direktor Ron Harrison sieht der Konkurrenz gelassen entgegen. "Ich verspreche mir davon sogar eine Belebung des Geschäfts."

Die Hoteliers sehen sich allerdings noch mit einem weiteren Problem konfrontiert: Die Fülle an neuen Arbeitsplätzen in der Branche trifft zusammen mit einer schleichenden Auswanderungswelle besonders im mittleren Management. Kaum anzunehmen, daß das jetzige Traum Verhältnis von 1,75 Angestellten pro Zimmer über kurz oder lang zu halten sein wird. "Rationalisieren, ohne die hohe Servicequalität zu verlieren", umreißt Dario Regazzoni, General Manager des "Conrad", daher die künftige Philisophie seines Gewerbes.

Auf eines werden die Gäste der vornehmen Absteigen einstweilen jedoch nicht hoffen können: daß mit dem wachsenden Bettenangebot auch die Preise fallen. "Wenn wir jetzt die Raten senken", ist sich der Manager Robert Hutchison vom "Marriott" mit allen Mitbewerbern einig, "bringt das vielleicht in den nächsten zwei Jahren mehr Geschäft. Langfristig zahlt sich diese Politik nicht aus." Ralf-Peter Jentes hält seine noble Bleibe mit Zimmerpreisen von 350 Mark aufwärts sogar für unterbezahlt. Das soll allerdings nicht so bleiben: Vom Herbst an kosten die Nächte im "Grand Hyatt" fünfzehn Prozent mehr. Andreas Werb