Bremen

Von Beruf, sagt die Zeugin, sei sie "nichts". Alter: 22 Jahre, wohnhaft im Gefängnis Bremen-Oslebshausen, als Gewohnheitsdiebin verurteilt zu einem Jahr Haft. Mit den Kajaistrichen, die ihre Augenwinkel fast bis zu den rasierten Schläfen verlängern, sieht sie aus, als wolle sie die Justiz erschrecken. Wenn sie durch den Saal des Bremer Amtsgerichts stapft, um am Pult des Richters ein Beweisstück zu besichtigen, leicht vorgebeugt, den Kopf hoch erhoben, wirkt sie wie ein trotziges Kind. Sie fällt dem Angeklagten ins Wort. "Wer’s glaubt, wird selig", ruft sie und widerspricht dem Richter, der sie väterlich ermahnt: "Ist ja klar, daß einem Bullen mehr geglaubt wird als mir."

An vieles erinnert sich die Zeugin nicht mehr. Zum fraglichen Zeitpunkt, am 21. Januar vergangenen Jahres, hatte sie mindestens acht Schlaftabletten genommen. Bei ihrer ersten Vernehmung war sie "ein bißchen zu" und schlief ein, während auf der Polizeiwache das Protokoll getippt wurde. Zuvor aber hatte sie mehreren Beamten immer wieder versichert: Gerade eben sei sie auf der Wache der Bremer Bahnhofspolizei mit einem Gummiknüppel vergewaltigt worden.

Der Angeklagte wirkt äußerlich völlig anders als die Zeugin. Manfred V., 32 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, ist klein, unauffällig, ordentlich. Für die zehn Schritte zum Pult des Richters knöpft er das Sakko zu; seinen schmalen Lederschlips legt er immer wieder exakt über die Knopfleiste seines weißen Hemds. Ruhig zurückgelehnt folgt der Bahnbeamte der Verhandlung, auch sein Gesicht zeigt keine Bewegung. Nur der Blick wandert hin und her. Manfred V. säße nicht auf der Anklagebank, hätte nicht ein Experte des Bundeskriminalamts an seinem Gummiknüppel Spuren von Scheidensekret gefunden.

Damals, Anfang vergangenen Jahres, war die Zeugin im Bahnhof als drogenabhängige Prostituierte bekannt und hatte Hausverbot. Mehr als hundertmal hatten Bahnbeamte sie hinausgeworfen und wegen Hausfriedensbruchs Anzeige erstattet, als V. sie am 21. Januar wieder erwischte. In einem Nebenraum der Bahnhofswache, heißt es in der Anklage, "forderte der Angeschuldigte [sie] auf, ihre Jogginghose herunterzuziehen, nachdem er ihr zuvor eine Ohrfeige versetzt hatte, und steckte dann der Geschädigten seinen Schlagstock in die Scheide. Dann steckte er den Schlagstock in den Mund der Geschädigten und wischte ihn schließlich an ihrer Jogginghose ab."

Der Polizist hat für die Spuren an seinem Knüppel eine andere Erklärung. Die Festgenommene sei auf dem Weg zur Bahnhofswache gestolpert, aus ihrer Plastiktüte seien schmutzige Slips gefallen, die er mit behandschuhten Händen aufgehoben habe. Später habe er auf der Toilette den Schlagstock aus der Seitentasche seiner Hose genommen, ehe er die Handschuhe auszog – so müsse das Sekret an die Waffe gelangt sein.

"Er hat unser Mitgefühl", versichert sein Vorgesetzter. Kollegen kopierten für den Angeklagten Seiten aus dem Wachbuch, Beweismaterial aus Behördenbesitz, das selbst die Staatsanwaltschaft nicht bekam. V. hatte die Zeugin wenige Tage nach dem Vorfall wegen Verleumdung verklagt. Ein anderer Bahnpolizist bestätigte ihm damals, als sei er dabeigewesen: "Der in der Strafanzeige aufgeführte Sachverhalt entspricht meinen Wahrnehmungen." Jetzt wird er vernommen – und weiß von nichts. Er habe nichts gesehen oder gehört, da V. mit der Frau gar nicht erst in die Wache gekommen sei.