Von Martin Lüdke

Was bleibt, sind die Bilder. Über Monate hinweg haben sie mich immer wieder eingeholt. Beim zweiten Lesen, Monate später, wußte ich schon, daß mich diese Bilder nie mehr loslassen werden. Die Holzfäller, die, anfangs gleich, in aller Herrgottsfrühe, morgens gegen fünf, es war noch stockdunkel draußen, leise zwischen Ahorn und Nußbaum vorbeischleichen, die dann, wenn sie ein Stückchen weiter sind, an den Kühen vorbeikommen, die zum Melken getrieben werden, ihre Hände auf die Flanken der Tiere legen, um in der krachenden Kälte des kanadischen Winters diese Möglichkeit zu nutzen, etwas Wärme aufzunehmen. Und Patrick Lewis, ein Junge noch, der früh genug wach ist, aufsteht, nur um diese dunklen Gestalten, die so fremdartig sprechen, zu beobachten. Erst später, viele Jahre später, wird er erfahren, daß es Finnen sind, die jeden Winter in dieser Gegend, die noch bis 1910 auf keiner Landkarte verzeichnet war, in die Wälder ziehen, um Bäume zu fällen.

Bilder. Von jener wahrlich dummen Kuh, die sich von der Herde getrennt hatte, zurück zum Fluß gelaufen und dort im Eis eingebrochen war, unfähig, sich selbst aus dieser mißlichen Lage zu befreien. Patrick und sein Vater, der Sprengmeister, gehen beide in das eiskalte Wasser, vertäuen das Tier, um es anschließend mit zwei Pferden ans Ufer zu ziehen.

Bilder von den Gerbern, denen sich die Säure in die Haut einbrennt. Bilder von den Tunnelbauern, den Brückenbauern, überhaupt der Arbeit. Und dann das Bild, das in sich alle anderen enthält, das ausstrahlt – durch das ganze Buch hindurch. Das Bild von der Nonne.

Auf der Brücke, die noch im Bau war, nicht einmal halbfertig, weit und hoch hinausragend ins Leere, gingen, vielleicht weil sie sich verirrt hatten, fünf Nonnen. "Die Nonnen bewegten sich auf eine Markierung ... zu, als der Wind begann, sie durcheinanderzuwirbeln. Sie wurden gegen die Betonmischer und Dampfschaufeln geschleudert und taumelten von einer Seite auf die andere, ständig in der Gefahr, über den Rand zu stürzen." Männer sprangen hinzu, versuchten, sie festzuhalten und zu sichern. Doch eine der Nonnen, wieder vom Wind erfaßt, über den Beton geschleift und dann über das Ende der Brücke hinaus, verschwand auf der Höhe des dritten Pfeilers in der Nacht – und blieb, fortan, verschollen.

Schnitt. Wie im Film. Fast durchgängig verwendet Ondaatje dieses Mittel: Seine Erzählweise erklärt sich zwar auch aus der Rahmenhandlung, jenem Umstand, daß ein junges Mädchen im Auto dem Mann zuhört, der die "Bruchstücke" seiner Geschichte aufliest, streckenweise müde, unkonzentriert, der ihr, auf der Fahrt zu der Frau, die er sein Leben lang geliebt hat, sein Leben erzählt und – ein gutes Stück der kanadischen Geschichte dieses Jahrhunderts.

Und so erzählt er ihr auch von dem bulgarischen Brückenbauer Nicholas Temelcoff, der sich, an ein Seil gebunden, fallen ließ, von Pfeiler zu Pfeiler schwang, weil es auf diese Weise schneller ging beim Bau der Brücke. Und so erzählt er: "Der Mann in der Luft unter dem mittleren Bogen sah den Schatten auf sich zufallen und wußte in derselben Sekunde, daß sein Seil sie beide nicht halten würde. Er streckte sich vor, um die Gestalt aufzufangen, während er mit der anderen Hand nach dem Ende eines Metallrohrs über sich griff, um den plötzlichen, heftigen Zug auszugleichen ... und einen Augenblick später merkte er, daß er die Gestalt mit aller Kraft an sich drückte. Er sah, daß es ein schwarzgewandter Vogel war, das weiße Gesicht eines Mädchens. Er konnte es in dem Licht, das zwölf Meter über ihnen unregelmäßig flackerte, sehen. Sie hingen im Seil, drehten sich über dem Tal, sein gebrochener Arm hing steif an der Seite, im anderen hielt er die Frau. Ihr Körper war starr im Schock, ihre riesigen Augen starrten in das Gesicht von Nicholas Temelcoff."