ZDF, Sonntag, 14. Oktober, 23 Uhr: "Das Kaninchen bin ich", DDR-Spielfilm von 1965

Der Film hat große Furore gemacht, nicht in den Kinos – er war verboten sondern im SED-Zentralkomitee und der offiziellen DDR-Kunstdebatte der sechziger Jahre. Politbüro-Mitglied Horst Sindermann kreierte damals die Gattungsbezeichnung der "Kaninchen-Filme", die eine Welt zeichneten, in der es nur noch "Karrieristen, Zweifelnde, Triebhafte, Schnoddrige, Berechnende, Brutale" gäbe, die "in einer in Grau und Zerfall gehaltenen Umgebung sich gegenseitig seelisch zerfleischen". Dies, meinte Sindermann, sei das Ende der Kunst. Der Autor des Films, Manfred Bieler, und sein Regisseur Kurt Maetzig gerieten ins politische Abseits. Bieler wurde außer Landes getrieben, Maetzig genötigt, mit seinem nächsten Film, einem Heldenepos auf den Sowjetmenschen, seine "Rehabilitierung" zu betreiben.

Jetzt kommt dieser Film wieder zum Vorschein, vielleicht gerade recht zum Revival der sechziger Jahre. Seine einstige politische Brisanz, das Unrecht, das er schildert, erscheinen nun als Nebensache, zumal für den westlichen Betrachter, der in den Szenen aus dem Gerichtssaal keine Chiffren sieht, sondern bloß Verharmlosungen im Vergleich mit authentischen Berichten von politischen Prozessen in der DDR. Zur Hauptsache wird das Zeitgefühl der sechziger Jahre, das hier in eigenartiger Brechung erscheint: in einem Defa-Film, der in der Zeit unmittelbar vor und nach dem Mauerbau spielt, in dem das Ereignis dieser Jahre aber mit keinem Wort erwähnt wird. Es zeigt sich indirekt, wie ein geknebelter Schrei, der im lauten Alltag der neunzehnjährigen Maria nicht zu hören ist. Wer da schreit, ist ihr Bruder, der wegen "staatsfeindlicher Hetze" drei Jahre Zuchthaus absitzen muß. Und was schreit, ist ihr Gewissen, denn sie liebt den Richter, der ihn verurteilte.

Der Film hat blinde Flecken, er zeigt keinen Knastbetrieb, er verschweigt, weshalb der Bruder verurteilt wird und wie lange er gesessen hat, als man ihn wohlbehalten wieder vorm Gefängnistor in Empfang nimmt. Dennoch ist es kein verlogener Film, und nicht nur sein Sujet ließ die Kunst-Funktionäre so hysterisch reagieren.

Der Film zeigt eine Welt, in der ein häßliches Klirren ist von Dingen, die unsichtbar bleiben, in der Kräfte am Werk sind, die niemand nennen darf und will (was für skurril-biedere Tanzszenen zu quäkig verfremdeter Schlagermusik!). Und wer sie doch einmal nennt, schreit unartikuliertes Zeug, lallt sich seinen "Scheiß-Staat" von der Seele – und kommt hinter Gitter. Der ganze Film zittert vom Verschweigen und Verdrängen dessen, was nun nicht mehr zu ändern, wovor nun nicht mehr zu fliehen, womit nun auszukommen ist. Er zeigt den Beginn eines mühsamen Arrangements, eines psychischen Gewaltaktes für jeden, der damals lernen mußte, hinter der Mauer zu leben.

Maria ist moralisch rigoros, hart geht sie mit ihrem Geliebten ins Gericht. Sie schließt ab. Sie zieht aus. Aber wohin? In der letzten Sequenz sehen wir sie mit dem Handkarren durch die noch schwach motorisierte Ostberliner City zockeln. Nostalgische Bilder für jeden, der das nicht erlebt hat: den großen Aufbruch unter der Käseglocke. Martin Abends