Von Christian Tenbrock

Die elf Stockwerke hohen Tore haben das Ausmaß von Fußballfeldern, das Dach der Fabrikhalle überspannt an die 250 000 Quadratmeter: Im größten Gebäude der Welt arbeiten pro Schicht achttausend Menschen. "Willkommen bei Boeing", lächelt der junge Mann, der die Besucher herumführt. Rekordträchtige Zahlen gehören zu seinem Repertoire – schiere Größe ist eines der Markenzeichen der Boeing-Corporation.

In Everett, fünfzig Kilometer nördlich von Seattle im amerikanischen Bundesstaat Washington, produziert der weltgrößte Flugzeugbauer mit der Boeing 747 das weltgrößte Passagierflugzeug. Jeden Monat verlassen fünf Jumbo-Jets sowie fünf Maschinen der 767-Klasse das Werk. Auf dem Flugfeld glänzen die frisch gestrichenen Maschinen in den Farben ihrer neuen Eigentümer. Die Jets vom Typ 737 und 757 mit eingerechnet, liefert Boeing Tag für Tag ein Flugzeug an seine Kunden aus.

Über 6000 Düsenmaschinen hat das vor 74 Jahren gegründete Unternehmen bis heute verkauft. Mit einem Marktanteil von 54 Prozent ist Boeing die unangefochtene Nummer eins im zivilen Flugzeugbau der westlichen Welt: Jahrzehntelang bot das Unternehmen für alle Strecken konkurrenzfähige Produkte an. 1989 verkaufte es Jets im Wert von mehr als elf Milliarden Dollar an ausländische Fluggesellschaften und wurde damit zum größten Exporteur Amerikas. Im Staat Washington ist Boeing mit 100 000 Beschäftigten der wichtigste Arbeitgeber und größte Steuerzahler.

Und die Order reißen nicht ab. Im August lag der Auftragsbestand bei mehr als 1700 Flugzeugen im Wert von 96 Milliarden Dollar. Allein aus dem asiatisch-pazifischen Raum gingen für den Jumbo-Jet seit 1985 mehr als 300 Bestellungen ein – bis zur Auslieferung dieser weit über 100 Millionen Dollar teuren Maschine muß sich ein jeder Kunde fünf Jahre gedulden. Die Konkurrenz schreibt rote Zahlen, Boeing macht Profite – im vergangenen Jahr 973 Millionen Dollar Reingewinn. "Das Unternehmen ist in exzellenter Verfassung", lautet denn auch das Urteil von George Shapiro, Branchenexperte beim New Yorker Investmenthaus Salomon Brothers.

Wirklich? Anfang des Jahres kündigte Boeing 5000 Entlassungen an. Im September wurde die Zahl auf 6000 erhöht. Auf den Chefetagen des Konzerns herrscht zwar nicht gerade Pessimismus, aber sorgenvolle Untertöne sind im Gespräch unüberhörbar: Allen Erfolgen zum Trotz spürt Boeing den Atem der Wettbewerber Airbus und McDonnell-Douglas; das neue Langstreckenflugzeug 777 kommt nicht vom Boden; ein sinkender Rüstungsetat verringert die Aufträge aus dem Pentagon.

Hinzu kommt die Krise am Golf, welche die Ölpreise und damit die Betriebskosten der Fluggesellschaften in die Höhe treibt. Der wirtschaftliche Abschwung in den Vereinigten Staaten könnte zudem vielen Amerikanern die Lust am Fliegen nehmen – und so die Profite der zum Teil ohnehin am Rande des Absturzes stehenden US-Airlines weiter schmälern. Über ein Drittel seines Geschäfts macht Boeing aber im Inland. Noch seien zwar keine Aufträge storniert worden, erklärt der für den Verkauf von Zivilflugzeugen zuständige Vizepräsident Chris Longridge. "Wegen der unsicheren Lage lassen sich allerdings einige Fluggesellschaften mehr Zeit bis zur endgültigen Bestellung." Zum Beispiel der sechstgrößte amerikanische Carrier USAir: Das Unternehmen verschob den Kauf von sechzehn Boeing-Maschinen um ein Jahr.