Nichts, was tot ist, ist wirklich gestorben. Alles, was tot war, kommt einmal wieder. Dann wesen die einstmals Verblichenen wieder fröhlich unter uns – als Untote, als Gespenster.

Das ist die Stunde der Wiedergänger, der Auftritt Henrik Ibsens. "Gespenster" heißt eines seiner bekanntesten Stücke, "Wenn wir Toten erwachen" eines seiner eher unbekannten – das Hamburger Thalia Theater will jetzt versuchen, es wieder zum Leben zu erwecken.

Dazu braucht das Theater einen Regisseur, klar. Dazu braucht es auch Schauspieler, noch klarer. Aber das Thalia Theater braucht für seine Ibsen-Inszenierung auch Statisten, und nach denen fahndete es im Hamburger Abendblatt in einer kleinen, gleichwohl unvergeßlichen, fast möchte man sagen: unsterblichen Notiz. Und die hieß so:

"Für das Stück ‚Wenn wir Toten erwachen‘ von Henrik Ibsen sucht das Hamburger Thalia Theater vier männliche und drei weibliche Statisten zwischen 30 und 50 Jahren. Die Bewerber sollten ein gepflegtes Äußeres haben, da sie für die Darstellung von Kurgästen vorgesehen sind. Interessenten melden sich im Betriebsbüro unter der Telefon-Nummer 32814-104/105."

Schon wollen wir (Das Theater ruft! Das Theater lockt! Das Theater will uns! Jaaa!) beherzt zum Telephon greifen, als unser Blick gerade noch rechtzeitig in den Spiegel fällt. Alles stimmt (markante Schädelform, tadellose Körperhaltung, ausdrucksstarke Augen!) – allein, ob unser ohne alle Zweifel gepflegtes Äußeres nach den Maßstäben des Hamburger Thalia Theaters (immerhin eine der führenden Bühnen im Lande) gepflegt genug ist, scheint doch zumindest zweifelhaft. Entmutigt hängen wir den Hörer ein.

Fragen wir nicht (nur so ein Beispiel), ob das Äußere von Thalia-Intendant Jürgen Flimm gepflegt genug ist, um zur Darstellung eines Intendanten zu genügen. Fragen wir auch nicht, ob nicht die schönste Kunst des Theaters die Kunst der Verwandlung ist, die (noch so ein Beispiel) aus häßlichen, schwitzenden Pyknikern holde oder auch unholde Prinzen macht.

Fragen wir auch nicht, ob Menschen von sozusagen gepflegtem Äußeren in der rauhen Wildnis der Theaterwelt nicht eher deplaziert wirken. Und fragen wir erst recht nicht, ob unsere Thalia-Theater-Notiz nicht einen leicht ungepflegten, um nicht zu sagen inhumanen Unterton hat, der da nobel zu verstehen gibt: Alle dürfen Kurgäste sein, nur bitte schön keine Penner, Säufer, Landstreicher u.ä. Fragen wir auch nicht, wer in unserem sonst so makellos progressiven Thalia Theater sich eine solche Suchanzeige ausgedacht haben mag.