Von Johannes Groschupf

Guben hat lange Jahre geschlafen. Das Aufwachen fällt nicht leicht. Früher stand das Schild der LPG "Vereinte Kraft" allein, nun prangt darunter ein grellrotes Plakat: "Der beste Weg zum guten Einkauf: Ruckzuck – Der Preisbrecher". Der realsozialistische Trott der vergangenen Jahrzehnte hat eine Patina des Verfalls über die großzügigen Hauptstraßen gelegt. Zwar grüßen noch schöne Häuser der Gründerzeit und des Jugendstils, doch gleich daneben verfallen alte Fabrikanlagen, in deren Höfen nun die Hühner gackern.

Das VEB Chemiefaserwerk "Herbert Warnke" gab bisher achttausend Menschen Arbeit, darunter auch rund tausend Pendlern aus Polen, und versorgte die ehemalige DDR mit kleidsamen Stoffen. Die Zukunft des Werks ist unsicher, wie überhaupt die Gubener noch etwas verwirrt blickte, wie aus dem Schlaf gerissen. Plötzlich sind die Läden bunter geworden, neben der amerikanischen Zigarettenwerbung versichert ein hausgemachtes Reklameschild verschämt: "Gubener Hüte sind in". An den Straßenecken verkaufen nun westdeutsche Händler Südfrüchte und Blumen. Sie werden umlagert, nicht nur des Angebotes, sondern auch der ungewohnten Verkaufstechniken wegen. "Junge Frau, kann ich Ihnen helfen?" heißt es nun statt des üblichen "Haben wir nicht, ist aus". Zunächst kommt geschmeicheltes Gelächter unter den Hausfrauen auf, dann aber die patzige Antwort aus dem Hintergrund: "Nee, uns können Sie nicht helfen."

Seit Sommer dieses Jahres ist die graue Stadt an der grauen Neiße zu einer touristischen Pilgerstätte der besonderen Art geworden. Um in den Genuß des Kaufkraftgefälles zwischen D-Mark und Zloty zu kommen, drängen täglich Tausende und Zehntausende Deutsche aus Guben und den umliegenden Orten über die Grenze nach Gubin, in die polnische Hälfte der Stadt. Neben dem autoverrußten Grenzübergang wird noch in aller kleinstädtischen Unschuld die Wäsche aufgehängt, doch an der Grenze wird das Lied des schnellen Schnäppchens gesungen. Es ist ein altes, wohlbekanntes Lied. Die Westberliner schimpften jahrelang über ihren Polenmarkt, ließen sich aber immer wieder zum günstigen Kauf verleiten. Die damaligen DDR-Bürger klagten bitterlich über die Westler, die Anfang des Jahres durch die marode Republik reisten und angesichts des günstigen Tauschkurses gern dem Kaufrausch erlagen. Nun drängen sich die neuen Bundesdeutschen, die West-Mark in der Tasche, die altbewährten Dederoni-Einkaufsbeutel parat, um ihrerseits abzusahnen.

Treten auch wir also näher. Das Publikum wird ohne ernsthafte Kontrolle über die Grenze geschleust. Nur die beiden Westberliner lassen den polnischen Beamten stutzen; sie müssen eine halbe Stunde warten. Der ostdeutsche Grenzbeamte, noch vor Jahresfrist mit den Techniken der genüßlichen Schikane bestens vertraut, zwinkert uns nun verschwörerisch zu und klemmt in neugewonnener Lässigkeit den Daumen unter seinen Gürtel.

Gleich hinter der Grenze beginnt der Markt, der sich unabsehbar in die weitläufigen Parkanlagen erstreckt. Die kaufkräftigen Deutschen mit der begehrten West-Mark werden erwartet, man hält ihnen Jeansjacken entgegen und radebrecht: "Bitte, bitte, kaine Probleme, paßt." Die Kunden schieben und drängen die engen Wege entlang, ihre Augen tasten linker Hand und rechter Hand das Angebot ab. Sie befühlen die angebotenen Pullover, deren Stoff künstlich durch die Finger perlt. Daneben liegen Lebensmittel auf einem Stück Zeitung: Butter für sechzig Pfennig das Viertelpfund, ein frisches Dreipfünderbrot für achtzig Pfennig, Wurst und Käse sind ebenfalls wesentlich billiger als westlich der Grenze. Geheimnisvolle russische Spielzeugcomputer werden dem Interessenten mit geduldigen polnischen Erklärungen vorgeführt. Fuchspelze hängen traurig an der Wäscheleine, sechzig Mark das Stück. Korbsessel locken, Zigaretten mit vielversprechenden Namen wie "Gold Coast", "Rex", "Ronson" und "Ultrabrait" sind stangenweise neben Wodkaflaschen aufgebaut, die unvermeidlichen Kristallgläser runden das Angebot ab.

Die Händler sind offensichtlich von weit her gekommen. Höchst unterschiedliche Gesichter schauen einen auffordernd an. Hier sitzt ein schwarzgekleideter Jugendlicher, der Pilze und Popmusik verkauft. Dort hat eine Kleinfamilie ihr Auto zum Verkaufsstand umfunktioniert, während die Mutter für die zweite Schicht schläft. Organisierte Händler haben Zelte aufgebaut und bieten ein reichhaltiges Sortiment feil, während im Rinnstein einzelne Bauern und Bäuerinnen sitzen und Eier hochhalten. Die Szene erinnert an einen orientalischen Basar, ein Sammelsurium von Herkünften und Absichten, von Bedürfnissen und Sehnsüchten trifft hier aufeinander. Für Momente scheint es gar, als hätten hier zwei Völker wieder begonnen, miteinander zu reden, wenn auch vorerst nur in der Sprache des Handels. Es ist ein schwieriges Unterfangen, das seltsame Blüten treibt. Dort bahnt sich ein polnischer Herr weltentrückt seinen Weg durch die Menge, er schreitet in herunterhängenden Stulpenstiefeln einher wie eine Figur von Gogol, hier kauft ein deutsches Kind für zwanzig Mark ein eingeschweißtes neonbuntes Skateboard.