Dieses unvermittelte Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, die sich jahrelang mißtrauisch beäugten, hat auch seine bedrohlichen Seiten. Die kauflustigen Deutschen tappen, obwohl sie sich auf ihre Rolle als Kunden beschränken, oft ins Fettnäpfchen. Mit kritischen Blicken untersuchen sie die Ware, um sie dann mit dem hingemurmelten Kommentar "polnische Plaste" wieder hinzulegen. Der so düpierte Verkäufer revanchiert sich mit einem kräftigen polnischen Fluch. Wer stehenbleibt, sich Notizen macht oder photographiert, wird von zehn Augenpaaren beobachtet, zuweilen auch angerempelt oder lautstark vertrieben. Auch untereinander ist die Stimmung gereizt. Die deutschen Kinder werden entnervt mitgeschleppt, ihre Kaufwünsche sollen sie sich gefälligst für den Weihnachtsmann aufheben.

Auf einer Parkbank haben sich einige Polen dem Wodka ergeben, sie sitzen mit düsteren Mienen. Eine ebenfalls angetrunkene Frau kommt hinzu, fordert einen Schluck aus der Flasche, beugt sich hinunter. Dann, in einem plötzlichen Ausbruch von Gewalt, wird ihr ins Gesicht getreten. Sie fällt, das Blut schießt ihr aus der Nase. Die beiden Trunkenbolde wenden sich wieder der Flasche zu. Ein älterer Pole neben uns schüttelt den Kopf: "Zuviel Wodka, Kopf ist weg." Er gibt sich viel Mühe, seine wenigen deutschen Worte zu finden; wir haben Mühe, ihn zu verstehen. "Deutsche zu viel hier", hören wir aus seinem polnischen Redefluß, "zuviel Geld und Schnaps."

Die Welt hinter dem Markt und der zerfallenen Backsteinkirche besteht aus östlicher Armut und Trostlosigkeit. In den kargen Wohnsilos, die hüben wie drüben dieselben sind, ziehen die Hausfrauen ihre Köpfe hinter die Gardinen zurück, wenn Fremde auftauchen. Ein Vater schaukelt seine Kinder auf dem nüchternen Spielplatz. Zwei Straßen weiter liegt ein riesiger Busbahnhof, von dem aus Fahrten nach West-Berlin angeboten werden. Öde und leergefegte Straßen lassen nicht ahnen, daß dieser Teil einst die eigentliche Stadt war.

Das neue Zentrum ist der Markt, der Verkauf geht weiter, die unermüdliche Jagd nach dem westlichen Geld und dem Traum vom besseren Leben. Auch hier heißt der Traum für beide Seiten Amerika, und der hat seine Tücken. Eine deutsche Schwiegermutter, deren Enkelin schon im Pullover mit der Aufschrift "Born to be first" steckt, soll nun endlich auch eine Jeans bekommen. Mit einem verschämten Lächeln steigt sie in das ungewohnte Beinkleid, um dann doch abzuwinken: "Nee, dat wird nischt mehr." Ein polnisches Paar, sehr westlich gekleidet, hat sich einen kleinen Anti-Altar neben seinem Verkaufstisch aufgebaut. Eine Leninbüste mit der handschriftlichen Notiz: "Love me – ich gehe nach Hause".

Nebenan werden Abzeichen der US Army in einer robusten Bratpfanne drapiert. Manchmal liegen auch kleine Nacktbildchen aus, die einen rühren und beschämen. Ein Sexvideo deutet an, daß unter der Hand noch ganz andere Waren gehandelt werden können. Alles, was aus dem Westen kommt oder an ihn erinnert, ist gut. Die Beatles dürfen hier noch einmal singen, Schwarzenegger seine Bizeps zeigen. Zwei Schritte weiter plärrt ein deutscher Schlager, inklusive Wolgarauschen: "Du mußt nicht verzweifeln, es wird so viel geschehn". Und selbst dem Konsum anheimgefallen, verzehrt ein polnisches Mädchen gedankenverloren die Lollis, die es doch eigentlich verkaufen soll.

Plötzlich, als ein polnischer Polizeibeamter auftaucht, wird der Verkaufstrubel empfindlich gestört. Die Verkäufer im Rinnstein haben natürlich keinen Gewerbeschein und packen nun in aller Hast ihre ausgebreiteten Waren zusammen. Die Nachricht vom ungebetenen Kontrolleur verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Während er einen Händler festhält, bildet sich ein schützender Ring von Kindern, Schaulustigen und Mitrednern um den Polizisten, so daß die übrige Straße rasch und unauffällig geräumt werden kann. Der Händler, den es nun leider erwischt hat, kramt noch lange in seinen Taschen nach der Genehmigung. Der Verkauf geht an anderer Stelle weiter. Man weiß nicht, wie lange noch. Alle fragen sich, ob die Deutschen trotz des drohenden Visumzwangs noch kommen werden. Schließlich will niemand auf seiner Ware sitzenbleiben. Man fürchtet die kommenden Monate und bietet noch rasch einige Weihnachtsbäumchen aus Plastik an.

Auch im deutschen Teil Gubens wird mit westlichen Traumwaren gehandelt. Hier sind es Vietnamesen, die aus ihrer Not eine Tugend machen. Einst als Gastarbeiter in die frühere DDR eingeladen, werden sie heute als erste entlassen. Ihr Sortiment kommt dem allseitigen Bedürfnis nach billiger Elektrotechnik und glitzerndem Straß entgegen. Die Kassettenrecorder aus Hongkong spielen bayerische Volksmusik, die neue Pünktlichkeit wird mit Digitaluhren gesichert. Für den Sohn ist eine "Laser-Gun" im Angebot, und gegen die allgemeine Unsicherheit der Zeiten empfiehlt sich ein rosa Jesusbild mit Innenbeleuchtung. Die Zeit ist so aus den Fugen, daß man noch im Kauf des letzten Ramsches eine Sicherheit zu finden hofft.

Vor seinem neuen Mittelklassewagen lehnt ein Taxifahrer, von Kopf bis Fuß auf Westen eingestellt. Seine taiwanesische Sonnenbrille steht ihm so gut zu Gesicht, daß nur noch zwei Kleiderbügel als Ohrclips fehlen. Was wird, weiß er auch nicht. "Wir hoffen ja, daß der Handel bleibt, sonst sind wir wieder draußen." Im Stadtcafe empfängt uns nicht nur die bundesdeutsche Nationalhymne, sondern auch der DDR-Charme der vergangenen Jahre. Die Kellnerin fühlt sich von den neuen Gästen gestört, an den Nebentischen wird die Unterhaltung fast flüsternd geführt, und das Kaffeegedeck hat nur in preislicher Hinsicht eine Läuterung erfahren. Dafür lockt gleich nebenan die Ortsfeuerwehr mit ihrem "Tag der offenen Tür". Unter dem Applaus der Neugierigen zeigt das Modenhaus Elise hier seine neue Kollektion, und dann intonieren die neuen Freunde aus Hannover, der Spielzug Laatzen, die Melodie "Sun of Jamaica". Das Leben wird schon weitergehen, wie auch immer. Darauf genehmigt man sich einen Schnaps.