Von Andreas Kilb

Henry Hill ist ein Verlierer. Das sieht man sogar dann, wenn er gewinnt. Als er sich den Jugendfreund seiner Freundin Karen vorknöpft, schlägt er ihm wie ein Halbstarker mit seinem Revolver die Nase blutig. Dann gibt er die Pistole bei Karen ab, an der Haustür gegenüber. Und Karen, das Dummerchen, findet die blutige Waffe noch erregend. Ein richtiger wise guy hätte den Konkurrenten in aller Stille erledigt. Aber Henry will Spuren hinterlassen. Er ist ein Angeber, er träumt vom Ruhm. Den bekommt er auch, aber erst ganz am Ende, als er seine einstigen Freunde verrät. Der Vorhang geht zu, und Henry Hill spricht das Schlußwort: "Wir waren good fellas, wise guys. Jeder wußte, wer wir waren. Wir wurden wie Filmstars behandelt. Wir hatten alles, und zwar gratis. Wir bezahlten die Anwälte und die Cops. Wir waren die, die zuletzt lachten. Und jetzt ist alles vorbei." So triumphiert ein Statist. Die Könige und Helden kommen ins Gefängnis, und Henry darf unter falschem Namen weiterleben. "Good Fellas" ist kein Film zum Ruhme von Henry Hill, sondern zu seiner Schande.

Henry Hill hat den Kampf verloren, den Martin Scorsese gewonnen hat. Der kleine Martin aus Little Italy in New York, ein schwächliches, asthmatisches Kind, wollte lieber Priester werden als Gangster. Dann wurde er Filmregisseur und richtete das Auge Gottes auf die Gefährten seiner Jugend. Deshalb blickt die Kamera auf J.R. und Joey in "Who’s That Knocking at my Door?", auf Charlie und Johnny in "Mean Streets", auf Travis Bickle in "Taxi Driver" und auf Jake La Motta in "Raging Bull" wie der Herr auf den fleischgewordenen Sohn. Und deshalb handeln alle Geschichten, die Scorsese über Little Italy, die Mafia, den Taxifahrer und den Boxer erzählt hat, vom Untergang und von der Erlösung. Kaum ein anderer amerikanischer Regisseur liebt seine Figuren so sehr wie Scorsese. Er läßt sie in der Hölle schmoren, der er selbst entronnen ist. Er nimmt ihnen die Beichte ab und erteilt ihnen die Absolution. Scorsese ist Regisseur geworden und Priester geblieben.

Mit Henry Hill aber hat Scorsese kein Mitleid. Denn Hill ist kein unschuldiges Opfer wie der Programmierer Paul in "Die Zeit nach Mitternacht" und kein skrupulöser Profi wie der Pool-Spieler Eddie Felson in "Die Farbe des Geldes" – Hill ist ein Mitmacher. Einer, der das Blut, das andere vergossen haben, aus dem Kofferraum seines Wagens wäscht. Ein Laufbursche, eine Charge. Wäre "Good Fellas" ein klassisches Drama, dann könnte Hill die Rolle eines Rosenkranz oder Güldenstern spielen. Henry Hill ist kein Sünder. Henry Hill ist ein Narr.

Der Film beginnt damit, daß ein Mann ermordet wird. Tommy (Joe Pesci) sticht mit einem Tranchiermesser in den zuckenden Leib. Jimmy (Robert De Niro) feuert seine Pistole auf den Sterbenden ab. Henry (Ray Liotta) steht dabei und sieht zu. Dieser Mord wird den dreien später den Hals brechen. Aber Henry sagt: "Seit ich denken konnte, wollte ich ein Gangster werden. Das war noch besser, als Präsident der Vereinigten Staaten zu sein." Das Bild steht still wie ein Beweisphoto. Schuldig: das ist Scorseses Urteil über Henry Hill.

Gut eine Stunde später, in der Mitte des Films, kehrt die gleiche Szene wieder. Von den "drei Jahrzehnten in der Mafia" sind jetzt schon zwei vergangen, und wir haben gesehen, wie Henry Hill wurde, was er ist. Sein Vater hat ihn geschlagen, der wise guy Don Paul Cicero (Paul Sorvino) hat ihn unter seine Fittiche genommen, die jewish princess Karen (Lorraine Bracco) hat ihn geheiratet, und Jimmy Conway hat ihn die Regeln des Verbrechens gelehrt. Henry ist ein ordentlicher Kerl geworden, ein Spießer mit Revolver und Kochlöffel. Noch Jahre später wird er nicht vergessen, die Tomatensauce umzurühren, ehe er seine Kokainpäckchen ausliefert. Und als er am Ende als durchschnittlicher Niemand unter Polizeibewachung in irgendeinem Winkel Amerikas lebt, vermißt er nichts so sehr wie die Pasta aus Little Italy. Henry Hill hat im Leben zwar nichts begriffen, aber er hat immer gut gegessen.

In "Good Fellas" geht es ums Fressen, also um die Moral. Aber weil niemand auf Scorseses Narrenschiff anständige Tischmanieren hat, sind auch die Prinzipien zum Kotzen. Der Ehrenkodex der Mafiabosse wird unter diesen Kleinbürger-Gangstern zur Farce. Der Samstagabend gehört den Ehefrauen, der Freitagabend den Freundinnen, einen Kumpel darf man niemals verraten, und wer nicht sein Maul hält, wird umgebracht – das sind die Regeln; alles andere ist erlaubt. Als Tommy De Vito aus purer Laune einen Barkeeper erschießt, wird er dadurch bestraft, daß er die Leiche selber wegschaffen muß. Das Grauen, zeigt Scorsese, ist nicht das Gesicht des Schlächters, sondern das Gesicht des Kochs, der sich jederzeit in einen Schlächter verwandeln kann. Die Sonntagsessen im Freundeskreis sind für die good fellas genauso wichtig wie die Raubüberfälle. Und ein Messer ist ein Messer, ganz gleich, ob Tomatensauce oder Blut daran klebt. Das ist die Welt, mit der der Taxifahrer Travis, Gottes einsamster Mann, aufräumen wollte. Scorsese hat es für ihn geschafft.