Das Stasi-Syndrom – Seite 1

Einblicke in das banale Innenleben der großen Krake

Von Martin Ahrends

Der Streit um die Stasi-Akten zeigt, wieviel man sich von ihnen erhofft an Aufklärung, an Rechtfertigung, an Sühne vielleicht. Das ganze bedrückende Mysterium des Sicherheitsapparates wird hier vermutet; die Vorstellung, die eigene Akte endlich in Händen zu halten, endlich zu erfahren, wer wann was weitergemeldet hat, wer also konkret Schuld hat am abgewürgten öffentlichen Gespräch – diese Vorstellung wird mit dem Gefühl von Erlösung verbunden, mit der Befreiung vom jahrelangen Mißtrauen, von diesen teuflischen Verdächtigungen gegen all und jeden. Die Stasi hat es weitgehend geschafft, ihr krankhaftes Mißtrauen unter die Leute zu bringen; sie hat tatsächlich eine Atmosphäre allgemeinen Argwohns geschaffen – und hierin bestand wohl die Haupteffizienz ihrer Arbeit.

Wo sich Menschen mit Courage und Vertrauen in die Rechtmäßigkeit ihres Tuns der psychologischen Macht des Stasi-Mythos entzogen, da war der Apparat auch schon beinahe lahmgelegt. Die "Andersdenkenden", die auf ihre konspirativen Überwacher auf offener Straße zugingen, um ihnen freundlich Auskunft zu geben über ihre weitere Tagesplanung – sie begannen, die Stasi schon vor der sogenannten Wende aufzulösen. Sie lösten das Selbstbewußtsein der geheimen Späher auf und diesen Mythos der Allmacht, den es nur so lange gab, als man ihn für sich gelten ließ.

Keine Gestapo

Vermutlich wird man also enttäuscht sein, wenn man dann endlich die eigene Akte in Händen hält: Sie wird das große Rätsel nicht lösen; diese Akten enthalten Millionen von Banalitäten, weil alles gesammelt wurde mit der Besessenheit einer tiefsitzenden Furcht ("Wir hatten mehr Angst vor dem Volk, als das Volk vor uns haben mußte" – ein Stasi-Major). Man wird des eigentlich banalen Innenlebens der großen Krake ansichtig und wird sich fragen müssen: Weshalb hab’ ich mich eigentlich so gefürchtet?

Wer dieser Furcht unbedingt nur äußere Gründe geben will, wird weiter forschen nach Greueltaten, nach Folterkellern und unterirdischen Gängen; aber es wird nichts nützen. Die Stasi war keine Gestapo, obschon sie von deren Ruf "profitierte". Irgendwann muß man sich wohl eingestehen, daß der Mythos "Stasi" auch ein sehr brauchbares Alibi war. Was den Apparat so großmächtig hat werden lassen, ist in den Akten schwerlich zu finden. Um es zu ergründen, müßte man sich wohl mit der Psychologie der Spitzel und der Bespitzelten auseinandersetzen. Mit dem Myzelium, dem unterirdischen Wurzelgeflecht, das den giftigen Pilz hat wachsen lassen.

Das Stasi-Syndrom – Seite 2

Vor dem Einschlafen, nachts im Bett, unterhält sich ein Ehepaar darüber, was den Sicherheitsapparat so übermächtig hat werden lassen; ein Stasi-Spitzel hört das Gespräch ab: Da ist von dem giftigen Pilz die Rede und seinem Wurzelwerk. "Ich fand, die Frau hat recht", gibt der Spitzel später zu Protokoll, das Myzelium aus Mitläufern, Duckmäusern, Jasagern sei riesengroß gewesen im Vergleich zum Pilz, der daraus wuchs. Dieser Spitzel hat übrigens, wie er selbst bekennt, "zu viel gehört". Er ist zu tief in die PUT, die "politische Untergrundtätigkeit" eingetaucht, in die Arbeit der Friedens-, Menschenrechts- und Umweltgruppen, um davon unbeeinflußt zu bleiben. Die DDR-Bürgerbewegung hat ihn verändert, und er hat noch vor der Wende seinen geheimen Dienst quittiert.

Das Beispiel entstammt dem Buch von Lienhard Wawrzyn, der sich in einer ersten Sichtung in zum Teil sehr aufschlußreichen, teils aber auch noch kaum bearbeiteten Texten mit der Psychologie des Stasi-Syndroms auseinandersetzt. Wawrzyn stammt nicht aus der DDR, er hat den fremden Blick, der in mancher Hinsicht förderlich ist, weil der Umgang mit dem Thema in der DDR vorerst von Ressentiments und alten Ängsten bestimmt sein könnte. Allerdings merkt man dem Buch die Atemlosigkeit an, mit der es produziert wurde, und einen Sensations-Ton der "Enthüllungsliteratur". – Das meiste von diesen "Enthüllungen" haben wir auch vorher wissen können; die eigentliche Sensation ist wieder einmal die Kollision, der Purzelbaum, der Gewissenskonflikt im Kopf der Täter und Opfer.

Im Aufbau-Verlag und im Mitteldeutschen Verlag sind Bekenntnisse von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern erschienen; auch Wawrzyn läßt einige von ihnen ausführlich zu Wort kommen. Diese Protokolle geben wahrscheinlich mehr Aufschluß über das Phänomen als die kilometerlangen Aktenschlangen. Da ist von dem "regressiven Genuß" die Rede, von der Erleichterung, dem latenten oder akuten Konflikt mit der Staatsmacht endlich entkommen zu sein: in ihre Arme, als "Inoffizieller Mitarbeiter" (bei Wawrzyn findet sich ein Glossar des Stasi-Jargons). Da wird immer wieder beschrieben, wie die "Firma" an die Stelle einer gestrengen Bezugsperson trat, die einem in Kindertagen beigebogen hatte, daß Gehorsam erste Bürgerpflicht sei. "Krümmen" hieß es tatsächlich im Stasi-Jargon, wenn man einen Spitzel geworben hatte...

Die Stasi als Ersatz für eine autoritäre Mutter – beileibe kein Einzelfall. Die Stasi als die wichtigste Bindung für bindungsarme Menschen, auch davon liest man häufig. Da wollte ein Führungsoffizier seine "Blaue" (inoffizielle Mitarbeiterin) heiraten: Die "Firma" reagierte mit allen denkbaren Repressionen. Aus ihrer Sicht zu Recht: Liebe bedeutet die stärkere Bindung, und wenn zwei voneinander wissen, "dabei" zu sein, fällt die konspirative Fessel von ihnen ab, sie können offen miteinander reden. Offenheit aber mußte die "Firma" fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Die Stasi war bestrebt, landesweit jede Form von Offenheit zu bekämpfen; gleichzeitig hat sie die mangelnde Öffentlichkeit im Lande ersetzt, sie war Ersatz für eine funktionierende gesellschaftliche Selbstverständigung. In ihren inoffiziellen Karteien sammelte sie das Spiegelverkehrte jener Informationen, die im offiziellen öffentlichen Raum erlaubt waren; arm und einseitig waren beide Informationsstränge, da man sie so säuberlich voneinander isoliert hatte.

Draculas Burg

Aus der Schlüsselstellung als Generalmedium, als wichtigster Vermittler kritischer Impulse von unten nach oben, speiste sich das Selbstbewußtsein vieler junger Mitarbeiter. Die "Firma", deren hauptamtliche Mitarbeiter fast ausschließlich Männer waren, bot den Sinn, das Abenteuer, die Geheimbund-Kumpanei, die Männer unter westlichen Bedingungen auf den Kampfplätzen wirtschaftlichen und politischer Freiheit finden.

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Nun bricht das konspirative Luftschloß für die, die darin wohnten, und für die, die es wie Draculas Burg anstarrten, in sich zusammen. Und die armen Gestalten, die daraus hervorkriechen, sind vor allem zu bedauern. Mit den drei Dokumenten mehr oder weniger reuiger Bekenntnisse ist ein großes Thema in Angriff genommen, das uns wohl noch eine Weile beschäftigen wird.

  • Lienhard Wawrzyn:

Der Blaue

Das Spitzelsystem der DDR; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1990; 160 S., 15,– DM

  • Ausgedient. Ein Stasi-Major erzählt

notiert von Reinhard O. Hahn

Mit einem Nachwort von Pfarrer Hans-Joachim Hanewinckel; Mitteldeutscher Verlag, Halle 1990; 128 S., 9,80 DM

Das Stasi-Syndrom – Seite 4

  • Christina Wilkening:

Staat im Staate

Auskünfte ehemaliger Stasi-Mitarbeiter; Aufbau-Verlag, Berlin 1990; 207 S., 13,80 DM