Von Michael Althen

Die Geschichten, die das Kino zeigt, sind unsere Geschichten. Die Menschen, denen wir darin begegnen, sind unsere Bekannten. Und die Orte, die wir dabei besuchen, sind unsere Heimat. Was wir sehen im Kino, das gehört uns. Das kann einem niemand nehmen: die Abenteuer, die man nie erlebt hat, die Affären, die man nie gehabt hat, und die Erinnerungen, die nie Wirklichkeit waren. Manchmal fühlt man sich darin heimischer als im eigenen Leben. Davon erzählt "American Diner", der erste Film von Barry Levinson aus dem Jahr 1982, in dem man Mickey Rourke, Steve Guttenberg, Ellen Barkin, Daniel Stern, Kevin Bacon und Timothy Daly in ihren ersten und zumeist auch besten Rollen sieht.

Der Film spielt in der letzten Woche eines Jahrzehnts, zwischen Weihnachten und Sylvester 1959, in Baltimore. Erzählt wird von fünf Jungs in ihren frühen Zwanzigern, der Unschuld der Jugend schon entflohen, zur Verantwortung der Erwachsenen noch nicht entschlossen. Im Niemandsland zwischen Erwartung und Entscheidung suchen sie nach ihrem Platz im Leben. Und obwohl die Weichen eigentlich längst gestellt sind, geben sie sich ein letztes Mal der Illusion hin, es stünden ihnen noch alle Möglichkeiten offen. Eddie hat vor die Heirat mit Elyse einen Test mit 140 Fragen zum Thema Football gestellt. Boogie muß dauernd auf seine Erfolge bei Frauen wetten, weil sich seine todsicheren Tips für Sportergebnisse immer wieder als Nieten erweisen. Und Fenwick macht durch seine pubertären Streiche klar, daß er aufs Erwachsensein pfeift. Vor die großen Entscheidungen stellen sie die kleinen Fluchten. Damit versuchen sie sich zu beweisen, daß die Zeit längst noch nicht reif ist. Es geht also um Abschied und Veränderung und vor allem um die Schmerzen, die das bereitet.

Der Ort, an dem sie allem entfliehen, ist das "Fells Point Diner". In den Diners, diesen Imbißstuben, die aussehen wie abgestellte Eisenbahnwaggons, scheint die Zeit stillzustehen. Es ist eine ganz und gar künstliche Welt, außen Chrom und innen Neon. Bis in die Morgenstunden hängen die Jungs dort herum, nachdem sie ihre Frauen nach Hause gebracht haben. Dort wird diskutiert, ob man mit Johnny Mathis oder Frank Sinatra besser Frauen aufreißen kann, ob man Roastbeef-Sandwiches teilen kann oder muß oder ob die Baltimore Colts im bevorstehenden Match gegen die New York Giants Chancen haben. Dort kann man sie alle finden, die Aluminiumfassaden-Vertreter, die im Volksmund einfach tin men heißen, oder Earl, den sie die wandelnde Lagerhalle nennen, weil er die ganze linke Seite der Speisekarte verdrücken kann.

Nur Frauen trifft man dort nicht. Denn das Diner ist ein Zufluchtsort für Männer. Wie im Zug in Tischabteilen sitzen sie vor dem Fenster, als gingen sie auf große Fahrt, dabei reisen sie nur ans Ende der Nacht.

Barry Levinson stammt auch aus Baltimore, er schlug sich selbst mit seinen Freunden, die sich "Ten Boys" nannten, in "Brice’s Hilltop Diner" die Nacht um die Ohren. Einer seiner Kumpels von damals hat über diese Zeit ein Buch geschrieben, in dem all die Anekdoten aus Nordwest-Baltimore noch einmal erzählt werden. Der Titel: "Diner Guys" (Birch Lane Press). Der Autor Chip Silverman, der in "Diner" übrigens eine kleine Rolle als Textilvertreter spielt, verfolgt die Biographien einer Generation, die als verloren galt: "Es gab einen Punkt in unserem Leben, an dem wir erkannten, daß wir weder je erwachsen werden würden noch je das Leben besonders ernst nehmen würden. Die meisten von uns verstanden nicht einmal richtig, was wir eigentlich taten... Männertreffs und Kameradschaft hielten uns in einer anderen Dimension gefangen, so daß wir unfähig waren, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, die Vergangenheit oder Gegenwart zu verstehen oder einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden." Das ist das Thema von "Diner", das ohnehin so amerikanisch ist, daß es auch ohne den deutschen Verleihzusatz "American" ausgekommen wäre.

Wenn man "Diner Guys" weiterliest, in die sechziger und siebziger Jahre hinein, dann wird klar, warum gerade rückblickend das Diner wie ein verlorenes Paradies erscheinen muß. Die Welt, der die Jungs dort entflohen sind, holte sie später wieder ein. Viele landeten bei Drogen, manche sogar im Gefängnis, und nur wenige haben es später wirklich geschafft, all die Versprechen der endlosen Nächte einzulösen.