Von Hans-Joachim Müller

Strenge Diät und keine Matratze im Bett und auch sonst zu allerhand Kasteiungen des Leibes aufgelegt. Den Hungerwinter 1941, als die Nazi-Truppen Leningrad belagerten, hat der Asket nicht überlebt. Pawel Filonow soll so abgemagert gewesen sein, daß der Freund nicht einmal eine Totenmaske habe abnehmen können.

Die "Antlitze" auf einem von Filonows letzten Bildern erstarren in kristallinem Farbgestein. Ikonengesichter, deren Silhouetten schon ganz mit dem Liniengespinst verwoben und in die krustigen Farbschichten eingedrungen sind, die still im Bildraum vor sich hinwuchern. Eingesogen in eine formverschlingende amorphe Malmasse, die an Zeitschnitte unter dem Mikroskop erinnern mag, scheint das Schicksal der Kopfreste besiegelt. Wenn ihr Farb- und Liniengrund weiterwächst und immer dichter wird, ist es bald um sie geschehen.

Dem Menschen kommt im Kosmos, wie ihn der nach einem halben Jahrhundert Öffentlichkeitsverbot in der Sowjetunion wiederentdeckte Maler Pawel Filonow erklärte, keinerlei exklusive Stellung zu. Sein Kosmos sei Prozeß, sein Dasein ewige Wandlung, ewiges Werden und Vergehen, nichts Stabiles, nichts Verläßliches. Wie auch sein Raum als "biodynamische Sphäre" von ständigen "Emanationen und wechselseitigen Durchdringungen" bestimmt sei. Als "Intellektueller" zum Beispiel betritt er die Weltbühne und wird von den vorrevolutionären Stürmen gleich heftig gepackt. Ein Schütteln geht durch seinen wehrlosen Leib, als begleiteten Parkinsonsche Anfälle seine Läuterung zum neuen Menschen. Ein Gewirr von Füßen und Händen bedeutet dem erstaunten Augenzeugen: Nichts hält mehr stand, alles gerät in erregende Obergänge, wenn das Leben seine dramatischen Möglichkeiten ausspielt. Selbst die Häuser scheinen das Brausen des heranwehenden Geistes zu verspüren und erleben die wundersame menschliche Wandlung, indem sie sich in Windrichtung neigen und ducken.

Pawel Filonow hat die "Umwandlung des Intellektuellen" 1913 gezeichnet und aquarelliert. Ein Jahr später die Szene dann noch einmal gemalt. Zurück lag eine Reise des in Petersburg aufgewachsenen Künstlers nach Italien und Frankreich, wo ihn die Begegnung mit den Futuristen und Kubisten nur in seinem Widerwillen gegen den mechanistischen Modernismus westlicher Prägung bestärkt hat. Gegen die "Maschinenzivilisation" eines Marinetti und den "Realismus" Picassos setzte Filonow seine "analytische Kunst". Eine bildnerische Methode, die sich nicht mit den beiden "Prädikaten Farbe und Form" begnügen, sondern die "ganze Welt sichtbarer und unsichtbarer Phänomene" zeigen wollte. "Bekannte oder geheime Eigenschaften" also, zu deren Erfassung es mehr des "wissenden" als des "sehenden Auges" bedürfe. Bilder, "mit aller Schönheit beharrlicher Arbeit gemacht", aus tausenderlei Details gewachsen, wie eben die Natur Molekül an Molekül reihe. Und nicht, was die Natur für Formen schaffe, habe den Maler zu interessieren, sondern wie sie sie schaffe: Bauelement an Bauelement, immer vom Einzelnen zum Gesamten.

Immer vom Einzelnen auf ein Gesamtes hin hat Filonow seine Bilder angelegt. Die Druckstelle seines dünnen Pinsels auf der Leinwand war ihm der kleinste unteilbare Bildbaustein. Aus seiner Schichtung, Reihung, Konzentration und massenweisen Vermehrung ließ der Maler feingliedrige Farbgitter entstehen, in denen sich die Dinge wie Ergebnisse komplexer Formbewegungen ausnehmen. Die Geburt des organischen Bildes aus dem Geist puzzeliger Anstrengung. Sein "Als-ob" hat das Bild indes auch so nicht verloren. Das blieb die Aporie in diesem Werk. Filonow konnte noch so emphatisch seine "rein wissenschaftliche Methode" gegen die Geschwindigkeitssimulationen der Futuristen oder die Formzerlegungsspiele der Kubisten verteidigen, seine Bilder haben doch vom Unsichtbaren nur so viel sichtbar machen können, wie sie selber verborgen hatten.

Bei aller Radikalität, mit der der Maler den Bildraum neu organisiert hat, blieb er doch auch den Traditionen der russischen Malerei verhaftet. Anders als die Entfernungen von überlieferten Anfängen und Wiederannäherungen an die folkloristischen Wurzeln im Werk von Malewitsch etwa kennzeichnet Filonows "gemachte Bilder" ein untilgbarer Volkston, der noch dem "Kolchosbauer" (1931) jene schlichte Würde gibt, die schon den heiligen Joseph auf der "Flucht nach Ägypten" aus dem Jahr 1918 zum wackeren Gesellen adelte.