Von Renate Kaufeld

Ein bißchen neidisch sehen wir ihnen schon nach, den Mountain-bike-Fahrern, die uns ständig spielend überholen, während wir uns, leicht schnaufend, beim wadenzerrenden Aufstieg zur Martinskapelle abmühen.

Eine Woche wollen wir zu Fuß unterwegs sein, wollen zwischen 14 und 24 Kilometern jeden Tag auf dem "Weg der Uhrenträger" zurücklegen – einer Wanderroute im mittleren Schwarzwald, deren Name weniger historisch verbriefter Handelsweg ist als symbolische Reverenz gegenüber den Erfindern der Kuckucksuhr. Im Gegensatz zu den alten Uhrenträgern, die ihre Ware auf hölzernen Gestellen auf dem Rücken trugen, haben wir Marscherleichterung. Unser Gepäck wird von den Etappenhotels zwischen Triberg und Königsfeld transportiert. Und jeder Wanderer kann Länge und Geschwindigkeit seiner Tour bestimmen.

Unsere Geschwindigkeit jedenfalls scheint zu gering. Nach knapp drei Stunden – viel mehr sollen wir für unsere ganze Tagesstrecke nicht benötigen – haben wir erst zwei Drittel geschafft. Den empfohlenen Abstecher zur Bauernküche aus dem Jahre 1715 streichen wir mit Blick auf die Uhr. Aber plötzlich sind wir schneller als erwartet am Etappenziel und schwören uns: Morgen lassen wir uns nicht mehr von den Zeigern verrückt machen.

So gerüstet marschieren wir am nächsten Tag durch bunte Blumenwiesen, vorbei an hohen Tannen auf die Keimzelle des "Uhrwaldes" zu: St. Märgen. Ein Schreiner namens Lorenz Frey soll Mitte des 17. Jahrhunderts hier in der Nähe die erste Schwarzwälder Uhr nach einer böhmischen Vorlage gemacht haben. Was als winterliche Heimarbeit und karges Zubrot begann, entwickelte sich schnell zu einem einträglichen Geschäft. Vor allem die Erfindung der Kuckucksuhr brachte das Gewerbe so richtig schön in Schwung – weder Zarin Katharina II. noch Mister Greenwood aus den USA konnten und können dem heiseren Gekrächze widerstehen.

Anders als die Uhrenträger, die ihre Ware durch ganz Europa brachten, haben wir heute nur eine kurze Wegstrecke auf dem Programm und gönnen uns eine längere Pause. Zu unseren Füßen macht die Wilde Gutach ihrem Namen Ehre, am Himmel spielen Wolkenbälle Fangen, und alle Viertelstunde erinnert uns das Glöcklein einer Kapelle an die Vergänglichkeit der Zeit.

Auf federnden Wiesenwegen verlassen wir das 2000 Einwohner kleine St. Märgen. Es geht durch taufeuchte Wiesen. Die Sonne blinzelt noch unausgeschlafen. Die Zwillingskirchtürme des Ortes verschwimmen im sanftblauen Himmel. Zum Horizont hin stapeln sich die Höhenzüge, bis sie sich im Nichts aufzulösen scheinen. Die Landschaft ist so heimelig-hübsch, als hätte der liebe Gott in Muße mit dem Kinderbaukasten gespielt.