Von Martin Hielscher

Das berühmteste Gedicht Paul Celans ist die "Todesfuge", die 1947 zuerst in der rumänischen Übersetzung seines Freundes Petre Solomon unter dem Titel "Tangoul Mortii" (Todestango) in Bukarest erschien. Celan hat sich, zumindest in seinen letzten fünfzehn Lebensjahren, geweigert, sie öffentlich vorzulesen. Zu verklärend mag sie ihm angesichts des Leidens erschienen sein, von dem sie spricht, zu belastet die Sprache, zu eingängig noch ihre Musik.

Zurückgenommen, wie Hans Mayer einmal bei einer Betrachtung der "Engführung" aus Celans Gedichtband "Sprachgitter" meinte, hat er die "Todesfuge" nicht: "Ich nehme nie ein Gedicht zurück, lieber Hans Mayer!" hat er dem Freund erklärt. Aber 1958 sagte Celan: "In meinem ersten Gedichtband habe ich manchmal noch verklärt – das tue ich nie wieder."

Seinen ersten Lyrikband "Der Sand aus den Urnen" (1948) hatte Celan gleich nach dem Erscheinen wieder einstampfen lassen, weniger der angeblich so vielen Druckfehler wegen, sondern weil ihm ein Teil der Gedichte schon nicht mehr genügte. Am Ende dieses Bandes stand die "Todesfuge". Sie wurde mit rund 25 anderen Gedichten in "Mohn und Gedächtnis" (1952) aufgenommen, kam in Lesebücher und Anthologien, und nun findet sie sich in Kapitel II einer Ausgabe, die zum ersten Mal Celans Frühwerk insgesamt zugänglich macht.

Als Celan 1948 in Wien seinen ersten Lyrikband zusammenstellte, hatte er seit mehr als zehn Jahren Gedichte geschrieben. Und er hatte einen langen Weg hinter sich: aus Czernowitz in der Bukowina, wo er 1920 als Paul Antschel geboren wurde – Celan ist das Anagramm seines rumänisch geschriebenen Namens –, über Bukarest, wo er von 1945 bis 1947 lebte und arbeitete, in die österreichische Hauptstadt, in der er nicht blieb.

Schon in Bukarest hatte Celan für seine literarischen Arbeiten Anerkennung gefunden und Zutritt zu literarischen Kreisen erhalten. Als er aber nach Wien kam, lag hinter ihm die Auslöschung seiner Herkunft: Celans Eltern waren 1942 von den Nazis in ein Arbeitslager deportiert und später erschossen worden, auch er selbst war in ein Arbeitslager gekommen. Das multikulturelle, einst liberale Czernowitz war zerstört. Die Bukowina – von der Roten Armee besetzt, von rumänischen Faschisten, dann von den Deutschen eingenommen, von der Roten Armee wieder befreit und anschließend von Stalin annektiert – fiel der Geschichtslosigkeit anheim. Das Schicksal seiner Eltern, das der Juden, das Trauma der Vernichtung hat Celan nie mehr losgelassen.

Der von Barbara Wiedemann herausgegebene Band mit Celans Frühwerk – die Herausgeberin hat vor einigen Jahren "Studien zu Celans Frühwerk" veröffentlicht – folgt mit seiner Gliederung den Stationen von Celans Leben zwischen 1938 und 1948: Teil I "Bukowina" enthält zwei Drittel der frühen Lyrik, Teil II "Bukarest" und Teil III "Wien" bringen zum großen Teil Gedichte, die dann in "Mohn und Gedächtnis" aufgenommen wurden. Die frühe Lyrik Celans wurde bis auf Ausnahmen zunächst durch Israel Chalfens Biographie von Celans Jugend, durch die 1983 erschienenen "Gesammelten Werke", schließlich durch die Faksimile-Ausgabe der "Gedichte 1938 – 1944", die der Jugendfreundin Ruth Lackner zugedacht waren, bekannt. Die rund fünfzig bisher unveröffentlichten oder nicht in Buchform erschienenen und überwiegend aus der Bukowina-Zeit stammenden Gedichte dieser Ausgabe entsprechen zumeist dem Eindruck, den man auch von den bereits bekannten frühen Gedichten gewinnen konnte.