Das neue Deutschland ist exakt 31 Stunden alt, als sich der Rechtsstaat anschickt, die ehemalige Stasi Festung in Berlin Lichtenberg zu erobern. An der Pforte neben dem schweren Eisentor steht ein Posten, neuer Ärmelaufnäher auf alter Uniform, aus dem Volks- ist über Nacht ein Berliner Polizist geworden. Er entscheidet, wer an diesem Morgen hinein darf und wer nicht.

Hereingelassen wird eine Gruppe grauer Herren, verschämt "Ehemalige" genannt. Sie bedienen das abhörsichere Telephonnetz der alten Regierung, auf das offenbar auch der Rechtstaat nicht verzichten kann.

Herein dürfen auch alle, die ihre Namen auf einer Liste an der Pforte finden: leitende Mitarbeiter des Staatlichen Komitees zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) - ehemalige SED Genossen, im Februar von der Regierung Hans Modrows eingesetzt. Die Regierung und das Komitee gibt es nicht mehr, wohl von unsichtbarer Hand ist die Liste an der Pforte ausgelegt worden.

Ausgesperrt bleiben: die Bürgerrechtler des Komitees, die seit dem Sturm auf die Stasi Zentrale die Seilschaften der "Ehemaligen" und der Verdunkler im Auflösungskomitee bekämpft haben. Ihre Namen hat niemand auf die Liste gesetzt. Der freundliche Polizist bedauert das, aber er hat eben seine Befehle "Vom Innenminister", sagt er. Ob noch von Diestel oder schon von Schäuble, weiß er nicht.

Um neun Uhr steht Jörg Wolf, ein Mitarbeiter von Jochen Gaucks Volkskammer Untersuchungsausschuß, vor dem Zentralarchiv der Stasi. Er will wie jeden Tag Akten über "Offiziere im besonderen Einsatz" (OibE) einsehen, die - immer noch nicht alle enttarnt - in Spitzenpositionen von Wirtschaft, Verwaltung und Polizei arbeiten. Wolf wird barsch abgewiesen. Die Kontrolle über das Archiv haben drei Mitarbeiter der Staatlichen Archiwerwaltung Potsdam "Die 76 Stasi Archivare sitzen bestimmt auch noch drin", ärgert sich der Bürgerrechtler.

"Auskünfte erhalten Sie vom neuen Träger, dem Bundesarchiv in Koblenz", tönt es blechern aus der Sprechanlage. Daneben prangt das Schild der Koblenzer Behörde, ein schwarzer Bundesadler auf gelbem Grund. Jörg Wolf versteht die Welt nicht mehr. Hatte es nicht bis vor wenigen Tagen einen Hungerstreik gegeben, um zu verhindern, daß die Akten dem Bundesarchiv übergeben werden? Hatte nicht die Bundesregierung schließlich nachgegeben und den ehemaligen Volkskammerabgeordneten Jochen Gauck zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für das Stasi Erbe ernannt? Zwei Tage später wird er erfahren: Das Schild ist "irrtümlich" aufgehängt worden, nur "ein Versehen".

Um halb zehn kapitulieren die Bürgerrechtler. Immerhin dürfen sie noch die ehemalige StasiKantine betreten, die jetzt den Namen "SB Restaurant Free Flow" trägt. Dort bestellen sie Sekt, die Flasche für 2 Mark 95, und stoßen mit Plastikbechern auf Einheit und Einzug der Rechtsstaatlichkeit an. Sie erinnern sich an den 16. Januar, den Tag nach dem Sturm auf die Normannenstraße. Damals waren sie es, die das Tor kontrollierten und die Stasi Agenten wieder nach Hause schickten "Heute ist es wieder wie zu Mielkes Zeiten. Die sind drin und wir draußen", sagt Gabi Radtke, eine Aktivistin der ersten Stunde "Das sagt alles über den Erfolg unserer Arbeit "