Die beiden jungen Berliner Maler Georg Kobbe und Erich Godal sind gestern von der Strafkammer des Berliner Landgerichts I wegen Verbreitung unzüchtiger Darstellungen (§ 184 des Strafgesetzbuches) zu Geldstrafen von 60 000 bzw. 100 000 Mark verurteilt worden. Es handelte sich hierbei um vier Zeichnungen, die die Künstler auf der juryfreien Ausstellung im vergangenen Jahre ausgestellt hatten und die das Ärgernis des Staatsanwalts in dem Maße erregt hatten, daß er sie beschlagnahmte. Es handelt sich um zwei sehr skizzenhaft hingeworfene weibliche Akte, einen Halbakt und eine Liebesszene zwischen Mann und Frau. Bei diesem Prozeß kommt es nicht auf den Kunstwert der inkriminierten Zeichnungen an, der sowohl von den Sachverständigen wie auch von dem Gericht uneingeschränkt anerkannt wurde, sondern es kommt auf die Urteilsbegründung und auf das sogenannte sittliche Empfinden des "Normalmenschen" an, der angeblich an diesen Zeichnungen Anstoß genommen hat, wobei bemerkt sein soll, daß alle die, die sich für einen Normalmenschen halten (darunter auch meine Wenigkeit), allen Grund hätten, scharf gegen dieses Urteil der Strafkammer zu protestieren.

"Normalmensch", das war das Schlagwort, um das sich die Verhandlung drehte und das auch in der Urteilsfällung die wichtigste Rolle spielte. Die beiden jungen Angeklagten vertraten den Standpunkt, daß ein Künstler das bilden dürfe, was er wolle. Ein Kunst werk könne niemals pornographisch sein, es sei denn, daß es überhaupt kein Kunstwerk sei. Pornographie habe eben mit Kunst nichts gemein. Aber damit war das Gericht nicht einverstanden.

Ein Beisitzer gab den Angeklagten den guten Rat, doch so wie Hans Mackart zu malen, ein anderer meinte, wenn Kobbe seinen Akt mehr "en relief" gezeichnet hätte, wäre das Anstößige vermieden worden. Er hätte "die Diagonale eben auch mehr von der Seite nehmen können."

Die beiden Maler wanden sich unter diesen Ratschlägen wie Mordbuben in der Folter. Aber auch die Sachverständigen teilten die Anschauungen des Gerichtes nicht. Als der Vorsitzende erklärte, daß für die Normalmenschen nicht Form und Farbe eines Bildes, sondern nur das gelten könne, was das Bild darstelle, schlug der Sachverständige Dr. Max Osborn dem Gericht vor, unter diesen Umständen schleunigst einige Kunstwerke, die in den Berliner Museen hängen – darunter Corregios "Leda mit dem Schwan" im Kaiser-Friedrich-Museum –, sofort beschlagnahmen zu lassen. Natürlich führte auch der Staatsanwalt in seiner Anklagerede den Normalmenschen als maßgebend an und betonte, daß dieser Normalmensch für ihn die große Mehrheit des Volkes sei, die Anstoß an diesen Bildern nehmen müsse. Zwar widerlegte der Verteidiger, Dr. Wolfgang Heine, in seinem Plädoyer die Anschauung des Staatsanwalts und wies nach, daß ein normales Urteil in irgendeiner wissenschaftlichen oder künstlerischen Angelegenheit nur der fällen könne, der etwas von der Sache verstünde und der die nötige Schulung und Bildung zu diesem Urteil habe. Zwar betonte er, daß sich auch die Künstler und diejenigen, die keinen Anstoß an Kunstwerken nehmen, die ein erotisches Thema behandeln, zu den reinlich empfindenden Normalmenschen rechneten ...

Alles das verpuffte wirkungslos. Das Gericht verurteilte. Und in der Urteilsbegründung heißt es, daß die Zeichnungen zwar auf Künstler und künstlerisch empfindende Menschen anders wirken könnten als auf den Durchschnitt des Publikums. Aber auf das normal empfindende Durchschnittspublikum, auf eben das, das von Kunst nichts verstehe und dem sich das grob Sinnliche und kraß Sexuelle aufdränge, komme es an. Dieses (so sagt das Gericht) normal empfindende Publikum sei derjenige Teil des Volksganzen, der Landessitte, sittliches Empfinden und bürgerliche Moral bestimme. Es könnten ja auch zum Beispiel Leute in Kunstausstellungen gehen, die keine künstlerischen Neigungen hätten, sondern nur allgemein interessiert seien, und die aus diesem Grunde ein stärkeres Gefühl für Sittlichkeit und Schamverletzung hätten.

Aus diesen Ausführungen des hohen Berliner Gerichtshofes geht also hervor, daß der künstlerisch empfindende, ja sogar der ganz allgemein gebildete Mensch ein höchst raffiniertes und gegen "Sinnenreize" abgebrühtes Individuum ist, dem eine Mehrheit von solchen Menschen gegenübersteht, die keine nackt dargestellten Menschen, ganz gleich, ob Plastik oder Gemälde, sehen könnten, ohne infolge eines sofort eintretenden Sexualreflexes automatisch daran Anstoß zu nehmen. – Und diese Beschimpfung des normalen und gesunden Menschen soll man sich gefallen lassen?

Frankfurter Zeitung, 4. Juni 1923

Aus Joseph Roth, Werke, Band 1-6, Das Journalistische Werk/Romane und Erzählungen, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1990