Die Wohnung schien sich nicht verändert zu haben. Die schmalen Gänge, die quadratischen Holztäfelungen an den Wänden, die eingelassenen Schränke, die verhaltene großbürgerliche Eleganz, die doch mit einer Fülle an Kunstgegenständen, archaischen Figuren, Radierungen, Photographien und Gemälden in einer solch authentischen Weise durchsetzt war, daß lediglich eine gewisse Vornehmheit aufkam ohne einen Anflug von Prunk. Ein Mensch lebte in dem ihm gemäßen Arbeitsumfeld, zurückgezogen und sehr scheu.

Das war im Mai 1990, 53 Quai des Grandes Augustins in Paris, in den Räumen, die Michel Leiris seit vielen Jahrzehnten bewohnte. Es war kurz nach seinem 89. Geburtstag. Und doch wirkte die Stille der Wohnung dieses Mal anders, bedrohlicher, als hätte sie einen endgültigen Charakter im Vergleich zu der Vielzahl der Begegnungen der letzten zwölf Jahre.

Michel Leiris vermochte kaum mehr zu gehen, stützte sich auf einen schmalen Stock. Das Atmen fiel ihm schwer, die Bewegungen des fragilen Körpers waren zaghaft, das Gespräch entwickelte sich vorsichtig. Dennoch bat Michel Leiris den Besucher, viele Stunden bei ihm zu bleiben und zu berichten, von den literarischen Neuerscheinungen aus dem Ausland, einen weiten Zirkel zu schlagen, bis hin zu den lateinamerikanischen Forschungsreisen zu den Q’ero Indianern als letzten Nachkommen der Inka. Er selbst war nicht mehr in der Lage zu schreiben, war nicht mehr Herr seiner Hände und hob nur im Halbstundentakt mit zitternden Fingern eine kleine Glocke hoch, um den Hausdiener zu bitten, den Orangensaft nachzufüllen. Als das Gespräch auf seine vor zwei Jahren verstorbene Frau Louise kam, senkte er den Kopf und sprach nicht mehr.

Und doch war da jene Neugier, die ihn immer ausgezeichnet hat. Kein Wissen im zweckgebundenen akademischen Sinn, sondern ein Wunsch, Neues zu erfahren, zu erleben. Zudem schien es Michel Leiris ein Bedürfnis zu sein, über sein Lebenswerk nochmals zu sprechen, zu erklären und Zusammenhänge zu vertiefen.

Die Nacht des letzten Besuches wurde zum Versuch, eines der ungewöhnlichsten Œuvres der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts – und sei dies nur fragmentarisch – zu sichten.

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Bezeichnend war für Michel Leiris die Schriftenvielfalt, weil sie Einblick erlaubt in die Einzigartigkeit von Person und Werk. Ein Werk, das sich auffächert in Reiseerfahrung, bahnbrechende Ethnologie, Prosa, Kunstkritik und Dichtung. Er war in allen Sparten mit den führenden Zeitgenossen befreundet. In erster Linie mit Georges Bataille, Robert Desnos, Georges Limbour, Marcel Griaule, Marcel Mauss und Alfred Métraux in der Ethnologie und Philosophie, ebenso mit Jean Paul Sartre, Albert Camus, Roger Caillois sowie in der bildenden Kunst mit Pablo Picasso, André Masson, Joan Miró, Francis Bacon und Alberto Giacometti. Mit Georges Bataille befreundete sich Michel Leiris bereits 1924, als Bataille noch Bibliothekar an der Bibliotheque Nationale in Paris war.