Gehorsam quetschte die Häftlingsnummer XYZ nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen die Personalien heraus; unter anderem: Staatsangehörigkeit Deutsch, evangelisch-lutherisch... Er war der einzige Deutsche unter den osteuropäischen Juden in dem überfüllten Auffang- und Hungerlager. Erst in diesem Augenblick fühlte er sich allein gelassen. Sein Leidensweg als politischer Häftling hatte im Zuchthaus Brandenburg begonnen. In der Nachbarzelle saß Erich Honecker. Sattsam bekannt der eine – und der andere? Die Engländer machten ihn nach flüchtiger Genesung zum Chefredakteur und wunderten sich, daß sein Wortschatz auch Haß vermissen ließ. In Israel, seiner letzten Station als Publizist in deutschen Diensten, starb Rudolf Küstermeier und wünschte in Deutschland begraben zu werden, hin zur Heimat der aus ähnlichen Gründen übergeführten Särge.

Konrad Adenauer sah sich zuerst als Rheinländer und dann als Deutscher und meinte, um alt zu werden, müsse man sich regelmäßig immer richtig ärgern, also nicht zuviel und nicht zuwenig, und das womöglich über das "Richtige". Aber die anderen Deutschen ärgerten und ärgerten sich immer nur über andere, jedoch selten über sich selbst – darin war Adenauer einer von ihnen. Und sogar mit Trauern allein lassen sie es nicht gut sein, im Krieg trauerten Mütter "in stolzer Trauer" um ihre gefallenen Söhne, obwohl das Wort doch klagend genug ganz für sich selber steht; wir leisteten und leisten auch noch Trauerarbeit, selbst da bohrt sich der Fleiß in die Tiefe, ohne daß ihr dafür ein Denkmal gestellt wird. Und die Aufarbeitung der Vergangenheit? Das war Arbeit für Freiwillige, auch ungerufen. Und die Bewältigung der Gegenwart? Wir sind das Land der mächtigsten Sprüche – vielleicht Gestapo gleich Stasi oder SEDisten gleich Nationalsozialisten?

Trau keinem über dreißig, hieß es nicht einmal so? Wie gründlich doch auch diese Veränderungsmacher vorgegangen sind und sich heute im besten Alter schon an Versorgungsfragen erquicken. Opferbereitschaft und Pflichtbewußtsein, die stramme musikalische Untermalung ist dahin und Katastrophenängste werden zum Psychologen getragen und Zukunftsfragen wehleidig sondiert. Und unsere emigrierten Autoren und Zeichner? Wir ließen sie da, wo die meisten gerade noch eben ihr Leben zu fristen vermochten; einige riefen sich selbst in Särgen zurück, soweit Testamente sprechen konnten. Sie hatten die deutschen Gebrechen in Wort und Bild unters Volk bringen lassen und sahen sich auch immer als ein Teil von ihm. Keiner hat sich seines Heimwehs je geschämt.

Ein Ratgeber für Deutsche? Der Markt ist offen mit Blick zurück und nach vorn. Hinweise auf Lieder, Sangesfreude und entsprechendes Schuhzeug würden nicht fehlen, ebenso Tränen nicht, wo man sie weint; den Mut nicht zu vergessen ganz nach dem Motto: Alles oder nichts ... Mein Deutschsein, es sei gestattet, ist wahrscheinlich so wie das Heimatgefühl unter erfahrenen Eheleuten, die nicht an Scheidung denken mögen und an Festtagen vernehmlich schlucken, sei es vor Kummer oder aus Verlegenheit, sich jedoch möglichst immer herzlich und fest in die Augen sehen.